Klingelt in der Dienstelle von Corinna Preuß das Telefon ist klar: Am anderen Ende der Leitung ist ein Mensch, der Hilfe braucht, bei den großen und kleinen Problemen dieser Welt. „Es geht nicht darum, auf alle Fragen eine Antwort zu haben“, sagt Corinna Preuß. Stattdessen soll eine Idee davon entwickelt werden, wie es dem Menschen am Hörer geht.

Es sind keine Therapeuten, Anwälte oder Suchtberater, die bei der Telefonseelsorge in Cottbus rund um die Uhr am Hörer sitzen. Es sind einfach gute Zuhörer. „Wir nehmen die Anrufer ernst und wahr, wir begegnen ihnen auf Augenhöhe, begleiten sie auf dem Lebensweg und finden gemeinsam eine Lösung“, sagt Preuß.

Gründliche Ausbildung ist für Telefonseelsorge unerlässlich

Seit vielen Jahren leitet Corinna Preuß die Dienststelle der kirchlichen Telefonseelsorge Cottbus. „Es ist kein Ehrenamt, das man auf die leichte Schulter nehmen kann. Man wird nicht nur mit den Problemen anderer, sondern auch mit seiner eigenen Reaktion darauf konfrontiert“, sagt sie. Und das will gelernt sein.

Auch deshalb startet im Februar 2020 wieder der einjährige Ausbildungskurs mit den neuen Anwärtern. Doch bevor es losgeht, werden die in einem persönlichen Gespräch geprüft. „In den Gesprächen wollen wir den Menschen und seine Motivation, bei uns mitzumachen, kennenlernen. Wir reden über seine Belastbarkeit, Psyche und Methodik“, erklärt Preuß.

Kompetenz ist den Seelsorgern wichtig. An sieben Wochenenden, von Freitagabend bis Samstagmittag, werden die neuen Seelsorger in zehn Themen geschult. Sucht, Beziehungen und psychische Erkrankungen sind nur ein paar davon. „Doch das Wichtigste: In der Ausbildung lernt man sich selbst kennen und erfährt, wie man am Telefon mit den verschiedenen Themen, sich selbst und anderen umgehen kann“, sagt Preuß und Brigitte K. fügt hinzu: „Für die Auszubildenden ist das ein großer Schatz. Ich habe für den Rest meines Lebens viel aus dieser Ausbildung mitgenommen.“

Mitfühlen ist bei der Telefonseelsorge Pflicht, will aber gelernt sein

Mehr als 25 Jahre lang arbeitete Brigitte K. ehrenamtlich in der Telefonseelsorge Cottbus mit, betreute Tausende Anrufer, sprach mit ihnen über ihre Einsamkeit, Trauer und Sucht. „Manchmal rufen Menschen auch an und dann sagen sie erst einmal nichts. Sie schweigen, weil sie so voll sind mit Problemen, dass sie nicht wissen, wo sie anfangen sollen“, erklärt sie.

Doch wie geht Brigitte K. selbst mit den Schicksalen anderer Menschen um? „Man muss die Themen an sich heran lassen, weil man den Menschen sonst nicht zugewandt ist. Es hat etwas mit Wertschätzung zu tun, mitzufühlen. Und es kann auch beruhigend sein, zu merken, dass den Telefonseelsorger das eigene Schicksal erschüttert“, betont sie. Den Mix aus Nähe und Distanz musste sie auch erst lernen.

Ein Thema überstrahlt bei der Telefonseelsorge alle anderen

Ein „Seismograph der Gesellschaft“ sind die Damen und Herren der Cottbuser Telefonseelsorge. Aktuelle Themen des Zeitgeschehens und politische Meinungen werden genauso kundgetan, wie das eigene Suchtproblem, Schwierigkeiten mit dem pubertierenden Kind und die Affäre des Partners. Doch ein Thema wird häufiger zur Sprache gebracht als alle anderen: Einsamkeit.

„Es gibt zunehmend mehr Menschen, die täglich anrufen, weil sie sonst niemanden mehr zum Reden haben. Die Anrufer wollen einfach mal eine menschliche Stimme hören, die nicht aus dem Fernseher oder Radio kommt“, sagt Preuß. Sie selbst kann viel von der Stimme des anderen ableiten: „Es macht einen Unterschied, ob die Stimme hektisch, aufgeregt, laut, ruhig oder atemlos ist. Dann kann man die Situation, das Problem und den Menschen besser einschätzen.“

Anonymität ist A und O bei der Telefonseelsorge

Egal worum es geht, die Anonymität der Anrufer und Telefonseelsorger würde helfen, auch seine tiefsten Gefühle rauslassen zu können. Das geht nicht nur den Anrufern so, sondern auch den Seelsorgern. „Es macht etwas mit mir, wenn ich sehe, woher der Anrufer kommt. Hat er vielleicht die gleiche Vorwahl wie ich? Könnte es mein Nachbar sein? Lebt er auf dem Land oder der Stadt?“, zählt Preuß ein paar der Fragen auf, die das Telefonat beeinflussen könnten.

„Es ist ein sinnstiftendes Ehrenamt. Es war wichtig, dass ich für diesen Menschen da war, denn ich konnte ihm helfen“, sagt auch Brigitte K. und betont, dass ihre Motivation auch die eigene Dankbarkeit ist: „Ich habe in all den Jahren gemerkt, dass es mir eigentlich ziemlich gut geht. So konnte ich Menschen helfen, denen es nicht so gut geht wie mir.“

Kostenlos und anonym


Die kirchliche Telefonseelsorge ist ein kostenfreies und anonymes Angebot in ökumenischer Trägerschaft. Der Anruf wird auf keiner Telefonrechnung verzeichnet, sodass ihn auch Familienmitglieder nicht nachvollziehen können. Die Telefonseelsorge kann rund um die Uhr unter den Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222 erreicht werden. Die Länge eines Anrufs ist unbegrenzt.

Aktuell arbeiten etwa 40 Ehrenamtler für die Telefonseelsorge Cottbus, die aus den unterschiedlichsten Berufen kommen: „Wir haben einen Steuerberater, Laboranten, Informatiker, Verwaltungsangestellte und viele mehr“, erklärt Corinna Preuß. Medizinische oder psychologische Vorkenntnisse sind nicht wichtig.

Am 21. Februar 2020 startet der neue Ausbildungskurs der Telefonseelsorge. Interessierte können sich noch bis zum 10. Februar melden unter 0355/472831 oder sekretariat.cottbus@ktsbb.de.