Filmfestival Cottbus 2023: Rekordverdächtig – so viele Filme gucken fleißige Festival-Fans

Gehören zu den fleißigsten Besucherinnen und Besuchern des Filmfestival Cottbus: Sylvia Schulrath (li.) und ihre Schwester Sabine Walter.
Michael HeiderViermal pro Jahr geht der durchschnittliche Deutsche ins Kino. Ein Schnitt, über den Sylvia Schulrath und ihre Schwester Sabine Walter nur müde lächeln dürften. Über 20 Filme sind es bei ihnen locker. Und das innerhalb einer Woche. Grund dafür ist das Filmfestival Cottbus. Seit 2011 besuchen die beiden gebürtigen Cottbuserinnen das Fest des osteuropäischen Kinos. Dort zählen sie zu den fleißigsten Gästen überhaupt.
Kammerbühne Cottbus, zweiter Festivaltag. Eben geht der kasachische Film „Voice of the Glacier“ zu Ende. Das zentralasiatische Land ist diesjähriger Schwerpunkt des Filmfests. Im Foyer der Spielstätte nehmen sich die beiden Schwestern Zeit über ihre Leidenschaft für das Filmfestival zu sprechen. Doch die Uhr tickt. In einer knappen Stunde läuft hier der polnische Beitrag „Hela“. Auch er steht auf der Liste. Und ein Happen Essen wäre schließlich auch nicht verkehrt.
Erster Besuch vom Filmfestival Cottbus war Zufall
Dass sie einmal zu solch eingefleischten Festivalfans werden würden, sei eher Zufall gewesen, erzählt Sylvia Schulrath. „Wir wollten uns damals einen Film im Kino angucken“, erinnert sich die 57-Jährige. „Doch der lief nicht.“ Um nicht ganz auf den geplanten Kinoabend verzichten zu müssen, gingen sie in einen Programmbeitrag vom Filmfestival Cottbus, das damals gerade stattfand. Wirklich auf dem Schirm hatten sie das Festival, das seit 1991 abgehalten wird, nicht, gesteht sie. Es war vielmehr eine Notlösung. Und am Ende eine Überraschung mit bleibender Wirkung.
„Es war eine ganz andere Art Film. Die Machart, das offene Ende. Wir fanden das total interessant“, sagt Schulrath. Eine große Affinität zum Kino Osteuropas hätten sie nicht gehabt, ergänzt Sabine Walter. Doch die Neugier war geweckt. Noch in der gleichen Woche besuchten sie weitere Festivalbeiträge. Im nächsten Jahr wurden es mehr. Und seit mittlerweile zehn Jahren ist für das Filmfestival Cottbus im Kalender der beiden Schwester ein fester Platz reserviert. Sabine Walter, die mittlerweile in Düsseldorf lebt, nimmt sich extra frei, um für die Woche in ihre Geburtsstadt zurückzukehren. „Im November ist es zum Glück leicht, Urlaub zu bekommen“, sagt sie und lacht.
Filmfestival 2023 – „Drei bis vier Filme pro Tag“
Und damit sich der Urlaub lohnt, wird geguckt. Viel geguckt. „Drei bis vier Filme pro Tag sind es schon“, sagt Sylvia Schulrath. Gelegentlich landen bis zu fünf Filme auf der Tagesplanung. Ein Pensum, bei dem selbst die beiden treuen Festivalfans an ihre Grenzen kommen. „Das ist dann doch sehr viel. Am Ende des letzten Films, weiß man gar nicht mehr, worum es im Ersten ging.“
Trotz kurzer Wege zwischen den Spielstätten in der Cottbuser Innenstadt ist zudem die Zeit ein Faktor. Grund ist das Rahmenprogramm des Festivals. „Nach den Vorführungen gibt es oft Gespräche mit den Regisseuren und Schauspielern. So erfährt man auch etwas über die Hintergründe der Filme. Und das höre ich mir schon gerne an“, sagt Sylvia Schulrath.

Am 7. November 2023 startete das Filmfestival Cottbus in seine 33. Ausgabe.
Patrick Pleul/dpaEigene Tabelle hilft durch die Festival-Woche
Sobald das Festivalprogramm veröffentlicht ist, gehen die beiden gebürtigen Cottbuserinnen an die Planung ihrer Kinowoche. Jede für sich setzt ein Häkchen hinter die Filme, die sie sehen möchte. „Sind es mehrere in einer Reihe, weiß man, dass man sich für einen entscheiden muss“, sagt Sabine Walter. Ihre Schwester Sylvia zückt ein Stück Papier aus ihrer Tasche. Es ist eine Tabelle mit all den Filmen, die sie in diesem Jahr sehen möchte. Vorführungstag, Uhrzeit, Spielort, Dauer, alles ist genauestens verzeichnet. Die ausgedruckte Übersicht ist ein ständiger Begleiter durch die Woche.
Überschneidungen in der jeweiligen Filmauswahl haben sie reichlich, sagen die beiden Schwestern. Und wenn nicht, wird der Film eben alleine geguckt.
Unterschiede vom Festival zum Hollywood-Kino
In die engere Auswahl kommen vor allem historische Filme. Gerne polnische Geschichte, da sie dort familiäre Wurzeln habe, meint Sylvia Schulrath. Aber auch die Landschaften Osteuropas haben es der 57-Jährigen und ihrer vier Jahre jüngeren Schwester angetan. „Und Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen.“
Unterschiede zum Hollywood-Kino haben die beiden langjährigen Festivalfans längst ausgemacht. So werde im osteuropäischen Kino mehr über Bilder und Stimmungen erzählt. „Die Filme aus Osteuropa kommen sehr oft mit wenig Dialog aus“, findet Sabine Walter. Lediglich eine Eigenheit sei mitunter bedauernswert, findet ihre Schwester: „Die Enden sind meist offen. Dabei hätte man manchmal gern gewusst, wie es ausgeht.“
An wirklich schlechte Filme in Cottbus können sich die beiden trotzdem nicht erinnern. In zwölf Festivaljahren, mit knapp 200 Filmen, habe es erst einen gegeben, den sie nicht zu Ende geguckt hat, bilanziert Sylvia Schulrath. Auch das dürfte ein besonderer Schnitt sein. Und ein Grund, im nächsten Jahr wiederzukommen. „Wir haben es fest vor.“ Da sind sich die beiden Schwestern einig.



