Kinder lernen von ihren Eltern, wie sie sich in der Welt zurechtfinden. Ob zuerst nach links und rechts zu sehen, bevor sie über die Straße gehen, oder Bitte und Danke sagen. Oder wo der Nachwuchs das Kreuz bei der nächsten Wahl in Cottbus macht. Das hat bei Weitem nicht nur Vorteile.
Die Weitergabe von Wissen von einer Generation an die nächste gehört zu den Grundlagen des menschlichen Miteinanders. In den ersten prägenden Lebensjahren, die ein Kind meist in der Familie verbringt, lernt der Nachwuchs die grundlegenden Normen, Werte und Erwartungen an bestimmte Verhaltensweisen innerhalb einer Gesellschaft kennen.

BTU-Professorin: Handlungen entstehen durch Sprache

„Diese Phase wird als Primärsozialisation bezeichnet. Die Forschung zeigt, dass Einstellungen von Menschen durch Alltagserfahrungen entstehen – zum Beispiel dann, wenn ich als Kind dabei bin und höre, wie meine Bezugspersonen über politische Themen reden. Oder ich mitbekomme, dass eine bestimmte Gruppe von Personen als ,anders’ beschrieben wird“, erklärt Heike Radvan, Professorin für „Methoden und Theorien Sozialer Arbeit“ an der Brandenburgisch-Technischen Universität (BTU) in Cottbus. „Es prägt ein Kleinkind, mit welchen Worten die Eltern über ein Thema reden. Hierüber nehmen sie ihre Umwelt wahr. Wahrnehmung und Sprache bedingen im Weiteren die Ausprägung von Einstellungen und Handlungen.“
Die Entscheidung, welche Erstwähler für oder gegen eine bestimmte Partei treffen, wird – neben der Primärsozialisation – auch von der kulturellen Atmosphäre ihrer Wohnregion beziehungsweise der sie umgebenden Stadtgesellschaft beeinflusst. Hierzu liegt für verschiedene Regionen, unter Anderem für Vorpommern und Sachsen, Forschungsergebnisse vor, die sich laut Heike Radvan auch für Cottbus bestätigen lassen. „In den Regionen, in denen sich bereits 1931 – also noch vor der Machtübernahme durch die NSDAP – viele Wähler für diese Partei entschieden haben, wird auch heute oft stärker rechts gewählt als in Orten, in denen in den 1920er Jahren bereits kulturelle Vielfalt gelebt wurde und auch heute stärkere Zustimmung zu demokratischen Werten besteht.
Diese kulturellen Prägungen wurden auch über die DDR-Zeit weitergegeben. Die Forschung zeigt, dass die Großelterngeneration häufig die Enkel im privaten Diskurs stark geprägt haben und die öffentlich vermittelte Haltung des Antifaschismus weniger wirksam werden konnte“, so Heike Radvan. So lässt sich eine Kontinuität des Wahlverhaltens über Generationen hinweg erkennen.

Beeinflussen Eltern die Wahlentscheidung stärker als Freunde?

Warum Rolle spielt dabei der Freundeskreis? Die Professorin erklärt: „Mit dem Jugendalter entwickeln junge Menschen eigene Positionen. Die können bisher Angeeignetes bestätigen oder sich von bis dato Erfahrenem unterscheiden. Enge Freunde spielen da auch eine Rolle. Wenn ich in einem Elternhaus aufwachse, in dem die Eltern auf coronaverharmlosende Proteste gehen, und ich dann auf Jugendliche treffe, die eine ähnliche Meinung haben, dann kann das einen Anschluss an extrem rechte Positionen schaffen.“
Und weiter: „Rechtsextreme Haltungen entstehen nicht einfach so. Da muss vorher eine Offenheit dafür da sein, zum Beispiel Gewaltakzeptanz in der Sprache. Darüber eröffnen sich Anschlussflächen. Die Fähigkeit, rechtsextremen Meinungen zu widersprechen, ist dann meist schwächer ausgeprägt.“

Welche Folgen kann es haben, wenn Eltern ihre politischen Haltungen an die Kinder weitergeben?

Indessen Folge kann sich ein Erstwähler oder eine Erstwählerin eher für eine politisch rechts stehende Partei entscheiden. Besorgniserregend wird das dann, wenn dadurch Parteien, die menschen- und demokratiefeindliche Positionen vertreten, gestärkt werden. Aufgrund derartiger Haltungen ist die AfD vom Verfassungsschutz zum Verdachtsfall erklärt worden. Die Partei hat Berufung gegen das Urteil eingelegt.

Rechtsextreme kommen aus schwierigen Elternhäusern - ein Klischee?

„Eine verlässliche Bindung an eine demokatische Diskussionskultur innerhalb der Famlie kann einen wichtigen Unterschied machen“, erklärt Heike Radvan. „Autoritäre Erziehungsmuster können, müssen aber nicht in autoritäre oder rechtsextreme Weltanschauungen führen. Da spielen auch all die Erfahrungen eine Rolle, die ein Kind oder Jugendlicher außerhab des Elternhauses sammelt.“
Menschen verbal oder gar körperlich anzugreifen bleibt stets eine individelle Entscheidung. „Dafür tragen allein die so handelnden Personen die Verantwortung“, stellt die Professorin klar. „Das Klischee stimmt so nicht. Nicht alle rechtsextremen Täter haben selbst körperliche Gewalterfahrungen gemacht. Und wenn doch, entschuldigt das keineswegs ihre Taten.“
Präventionsmöglichkeiten finden sich in der Bildungsarbeit. „Hier sind Familie, Schule und Kita in der Pflicht. Letztere haben die Verantwortung, Angebote zu machen, bei denen Kinder Erfahrungen sammeln und lernen, sich demokratisch zu orientieren“, ergänzt Heike Radvan.
„Diskriminierende Aussagen müssen zum Lehrgegenstand gemacht werden. Zum Einen um dem Geschädigten Sicherheit zu vermitteln und zum Anderen, indem Lehrkräfte erklären, warum die getätigte Aussage nicht okay ist.“
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