Von Christian Taubert

„Die Skepsis in den Firmen wächst“, lautet ein Fazit der gerade vorgestellten Frühjahrs-Konjunktur­umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus. Und das, wo immerhin 93 Prozent der befragten Unternehmen im Kammerbezirk gute oder gleichbleibende Geschäfte für die kommenden Monaten erwarten.

Aber das ist keineswegs ein Widerspruch, denn die Skepsis hierzulande geht einher mit den Unwägbarkeiten des bevorstehenden Strukturwandels in der Lausitz. Eckpunkte für ein 40 Milliarden Euro umfassendes Unterstützungspaket für die Kohleregionen bis 2038 sind zwar vom Bund beschlossen. Aber damit kann der Unternehmer vor Ort noch wenig anfangen. Vieles ist noch wenig konkret. Was dagegen immer fassbarer wird und schon heute die Stimmung eintrübt, ist der fehlende Nachwuchs und der leer gefegte Fachkräftemarkt.

Eine Lösung sieht der Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus, Marcus Tolle, darin, „dass wir in  Südbrandenburg an unserem Image arbeiten müssen, damit die Region für Zuwanderer aus dem In- und Ausland wieder attraktiver wird“. In diesen Zusammenhang rücken auch potenziell Rückkehrwillige immer mehr in den Fokus. Nach einer im März in Finsterwalde vorgestellten Studie von Rückkehrer­initiativen Brandenburgs gibt es dafür reichlich Potenzial. So lautet ein  Ergebnis der nicht repräsentativen Befragung: Während bei 13 Prozent der Wegzügler von Anfang an klar gewesen sei, dass der Ortswechsel nicht auf Dauer ist, „entschieden sich 54 Prozent erst nach längerer Zeit dazu, wieder zurückzukehren, für ein Viertel kam diese Idee ganz plötzlich“.

Daniel Hartmann und seiner Familie ist es eher so wie der überwiegenden Mehrzahl der Rückkehrwilligen ergangen. Von 2011 bis 2018 war der Spezialist für Kfz-Technik und Verbrennungsmotoren ins bayerische Lenting, nördlich von Ingolstadt, gezogen. Jetzt ist er mit Ehefrau Carolin und der dreijährigen Pia zurück ins heimatliche Pulsnitz gekommen. Gut 60 Kilometer entfernt von seinem neuen Arbeitgeber, dem Dekra Technology Center am Lausitzring.

„Als wir fortgingen, hat es hier keine berufliche Perspektive gegeben“, erinnert sich Daniel Hartmann. Ihn hatte es nach dem Studium zum Praktikum nach Magdeburg gezogen. Seine Frau, gebürtige Pulsnitzerin, fand nach der Ausbildung zur Logopädin fernab am Klinikum Wernigerode einen Job. Anderthalb Jahre wohnten sie im Harz, hatten sich mit Freunden eingelebt, da flatterte ein Jobangebot aus Bayern ins Haus. Die Audi AG war auf das Profil von Daniel auf einer Karriereplattform gestoßen. „Das haben wir alle nach dem Studium so gemacht“, sagt der heute 36-Jährige und erinnert sich, dass bei Audi nach 2010 die Suche nach Fachkräften „durch die Decke ging“. 90 Prozent der Einstellungen seien dabei über Dienstleister realisiert worden.

„Zu dem damaligen Angebot konnte man nur schwer ‚Nein’ sagen. Wir hätten es kaum besser treffen können“, umreißt der Sachse den Umzug nach Bayern. In seinem neuen Job beschäftigte er sich mit den Energieflüssen im Fahrzeug. Es ging um Kraftstoffverbrauch und darum, „dass Autos besser, effektiver werden“. Eine solche interessante Aufgabe habe es für ihn weder in der Lausitz noch im Osten gegeben. „Wir haben in Lenting sehr gut gelebt. Aber in die Heimat zur Familie und zu Freunden sind wir regelmäßig gekommen“, erzählt Daniel Hartmann. „Wir haben auch die Entwicklung im Lausitzer Seenland bei Touren mit unserem Camper-Wohnmobil verfolgt.“

Als Tochter Pia drei Jahre alt wurde, haben sich die Hartmann die Frage gestellt, wo künftig ihr Lebensmittelpunkt sein soll. Sie haben sich in die Augen geschaut und festgestellt, „dass uns beide das Gefühl von Heimat nicht loslässt“. Und darauf wollten sie nicht länger verzichten. Nach dem Tipp von einem Freund bewarb sich Hartmann Anfang 2017 bei der Dekra in Klettwitz. Aber es habe trotz seines Lebenslaufes und der beruflichen Schnittmengen bei Audi nicht gepasst.

 „Monate später, im Frühsommer ging dann alles ganz schnell“, berichtet der Hobby-Radsportler und Camper-Fan. Er sei in den Chefbereich nach Klettwitz geladen worden, um über die Option zu sprechen, ab Spätherbst 2017 im dann erweiterten Dekra-Modul Motor/Abgas/Verbrauch zu arbeiten. Es habe plötzlich alles gepasst, sagt Daniel Hartmann. „Ich wollte in meinem Fachgebiet tätig sein, nicht länger als 45 Minuten zur Arbeit fahren. Und das Gehalt sollte auch passen.“

Während Eltern und Großeltern in der 8000-Einwohner-Stadt Pulsnitz für die Rückkehrer das Geburtshaus des Großvaters von Ehefrau Carolin (33) zum Umbau bereit hielten und sich auch für die Logopädin ein neuer Job in einer Reha-Klinik fand, konnte der Umzugswagen bestellt werden.

„So viele Anfragen von rückkehrwilligen Lausitzern hat es noch nie gegeben“, bestätigt der Dekra-Geschäftsführer am Lausitzring, Volker Noeske. Dass sich nicht nur Daniel Hartmann letztlich für den Job in Klettwitz entschieden habe, führt Noeske neben familiären und sozialen Gründen auch darauf zurück, dass die Dekra deutschlandweit gleiche Löhne zahlt. Noeske ist überzeugt, dass die Lausitz das Potenzial hat, dieses Thema voranzubringen.

Daniel Hartmann, der von einer Boomtown im Norden Münchens in die Lausitz zurückkam, waren die Gehaltsunterschiede West-Ost bekannt. Da er zudem von einem Autohersteller zu einem Dienstleister wechselte, habe er nicht mit einer schwarzen Null gerechnet. „Aber es ist eine emotionale Null“, zeigt sich Daniel Hartmann mit dem Schritt zurück in die alte Heimat zufrieden.