Erich Schutt ist tot
: Fotograf aus Cottbus im Alter von 92 Jahren gestorben – ein letzter Gruß

Der erste Pressefotograf der Lausitzer Rundschau und Chronist der Lausitz ist in Cottbus verstorben. Erich Schutt bleibt unvergessen. Sein Lebenswerk sind seine Bilder. Durch die Kamera schaute er vor allem den Menschen ins Gesicht.
Von
Ida Kretschmar
Cottbus
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Der Cottbuser Fotograf Erich Schutt ist im Alter von 92 Jahren gestorben.

Frank Hilbert

An seinem 90. Geburtstag am 21. Juni 2021 ist Erich Schutt noch einmal richtig gefeiert worden. Nicht nur Familie, Freunde und viele Weggefährten kamen. Auch der Bürgermeister seiner Geburtsstadt Vetschau war unter den Gratulanten. Ein bewegender Tag auch für seine Frau Anneliese, die 68 Jahre lang mit dem bekannten Bildreporter verheiratet war und auch seine Leidenschaft für die Fotografie teilte.

Am 19. November 2023 ist nun der erste Pressefotograf der Lausitzer Rundschau 92-jährig in Cottbus gestorben.

Schon zur Eröffnung der Ausstellung „Brache Innenstadt Cottbus“ im Jahr 2022 hat ihn eine fortschreitende Krankheit daran gehindert, dabei zu sein. Nein, natürlich war er dabei. Mit seinen Fotografien, die nicht nur viel über ein brach liegendes Lebensgefühl im Zentrum der einstigen Bezirkshauptstadt erzählen, sondern auch über den Bildreporter. Immer ganz nah am Leben, mitten unter den Lausitzern, sind ihm einzigartige Dokumente gelungen, die bleiben werden.

Erich Schutt machte unspektakuläre Motive stark

In seiner letzten von unzähligen Ausstellungen waren es vor allem Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Blütezeit der Stadtpromenade. „Dabei ging es ihm nicht vorwiegend um Architekturen und um den gern dokumentierten Baufortschritt. Es ging ihm immer um Menschen, darum, wie sie lebten, wie sie arbeiteten und wie sie ihre freie Zeit verbrachten“, schilderte sein langjähriger Kollege Thomas Klatt in seiner Laudatio die Suche Erich Schutts nach Motiven, die das Menschliche mit der Architektur verbanden. Und er wirft auch ein Schlaglicht auf die Skulptur der beiden Sitzenden an der Stadtmauer („Lied des Friedens“): „Sie hat dunkles Grau angesetzt, aber sie steht noch in Würde.“

„Die Fotografien sind aus heutiger Sicht unspektakulär. Aber gerade das ist auch ihre Stärke. Das Schrille, das Laute im Motiv, das zur Vermarktung drängt ... wird man bei Erich Schutt nicht finden“, befand er.

Die Liebe zur Fotografie lebt die ganze Familie Schutt

Nach dem Besuch der Mittelschule und ersten Versuchen mit einer Agfa-Box-Kamera beginnt der gebürtige Vetschauer 1948 eine Lehre als Fachdrogist in der Spreewald-Drogerie Petzold in der Kleinstadt. In diesem Beruf begegnet er Anneliese Bauer. Beide verbindet auch die Liebe zur Fotografie. 1951 erhält Erich Schutt seinen ersten Presseausweis. Zwei Jahre später, 70 Jahre ist das nun her, wird Erich Schutt der erste Pressefotograf der Lausitzer Rundschau, absolviert später ein dreijähriges Fernstudium Journalistik. Schon 1954 gehört auch seine Gefährtin als erste Fotografin und Laborantin zur Bezirksredaktion. Die gemeinsame Liebe zur Fotografie wird Anneliese Schutt aber erst viel später richtig ausleben können, als ihre Tochter und die vier Söhne aus dem Haus sind. Die Leidenschaft für den Journalismus und Bergbautraditionen aber bleibt in der Familie.

Erich Schutt hat auch im Ruhestand viele Jahre lang gern die Redaktion der Lausitzer Rundschau besucht, um mit Redakteuren über die Geschehnisse in seiner geliebten Lausitz ins Gespräch zu kommen. Hier signiert er im April 2012 zwei seiner Bücher.

Frank Hilbert

Besonderer Blick auf die Menschen bleibt

Bis 1994, mehr als 40 Jahre, fotografiert Erich Schutt für die Lausitzer Rundschau und beliefert auch die Fotoagentur ADN-Zentralbild. „Er hat den Menschen in den Tagebauen und Großkraftwerken ein Gesicht gegeben, das bis in die heutige Zeit im kollektiven Gedächtnis haften geblieben ist“, würdigt ihn sein Fotografen-Kollege Jürgen Matschie, der im Domowina-Verlag einen Bildband mit unverwechselbaren Schutt-Fotos herausgegeben hat. Auf einem ist Erich Schutt mit seiner Kamera in 140 Meter Höhe auf dem Schornstein des Kraftwerkes Vetschau zu sehen. Für ein gutes Bild war ihm kein Schornstein zu hoch, keine Abraumförderbrücke zu schwindelerregend. Beißender Frost schreckte ihn nicht, um den harten Winterkampf in den Tagebauen einzufangen. Das Bild vom Wintereinbruch zum Jahreswechsel 1978/79 im Tagebau Jänschwalde, als ein Panzer eine vereiste Raupe anschiebt, gehörte zu seinen Lieblingsbildern. Ein einmaliger Schnappschuss bei minus 20 Grad.

Anerkennung für den exzellenten Fotografen Erich Schutt

Er war Chronist der Aufbruchstimmung auf den Großbaustellen, die nach 1945 viele Menschen in die Lausitz zogen. Er fotografierte die „Spur der Steine“. Ende der 1960-er Jahre erschien der gleichnamige Roman von Erik Neutsch in einer neuen Aufmachung: Der Buchgestalter wählte für den Umschlag eine markante Gegenlichtaufnahme von Erich Schutt.

Fotografie war sein Leben. So entstanden berührende Momentaufnahmen, die über den Moment, das flüchtige Pressefoto hinausgehen. Seine Fotos landen in Ausstellungen und in Büchern, erzählen Geschichten und bewahren Geschichte. Als einer der wenigen Fotografen außerhalb Berlins wurde Erich Schutt in die renommierte Fotografengruppe Signum aufgenommen. Als einer der Pioniere des ostdeutschen Fotorealismus sorgt er schon in Zeiten des Kalten Krieges international für Aufmerksamkeit. 1963 wird ihm von der Fédération Internationale de l'Art Photographiq der Titel AFIAP verliehen, der Fotografen zuerkannt wird, die sich durch ihre künstlerischen Werke einen Namen machen.

Höchster Einsatz für Bilder von Juri Gagarin

Sein Markenzeichen waren Bildkompositionen, die er vorher im Kopf hatte, ungewöhnliche Perspektiven, ein Bildaufbau, der über das Auge Herz und Verstand ansprach. Er dokumentierte das Leben in der DDR bis zu ihrem Untergang. Er begleitete Umbrüche und Wandel über alle Zeitenläufe hinweg. Vor allem aber schaute seine Kamera den Menschen ins Gesicht. Die einfachen Leute, aber auch fast alle Staatsmänner, die den Bezirk Cottbus besuchten, hat sein Kamerablick eingefangen. Er begleitete Parteiforen, Kundgebungen, in der Wendezeit die Montagsdemos. Willy Brandt hat er fotografiert und Täve Schur, die Dichterin Mina Witkojc und den Schriftsteller Jurij Koch noch als rasenden Rundfunkreporter. Um Juri Gagarin fotografieren zu können, verkleidet sich der Sohn eines Eisenbahners sogar mit einer Bahnuniform.

Und wie genoss er es, sich dem Dorfleben zu widmen. Erich Schutt dokumentierte die Schwere der Arbeit, mischte sich auf Festen aber auch gern unter die Wenden und Sorben, hatte er mütterlicherseits doch selbst wendische Wurzeln. Und so konnte man ihm auch im Ruhestand eigentlich nie ohne Kamera begegnen.

Trotz Stress immer mit der Zeit für das Ungewöhnliche

Zu seinem 90. Geburtstag war im Cottbuser Stadtmuseum eine große Personalausstellung über Erich Schutts Lebenswerk geplant. Wegen Corona ist daraus leider nichts geworden. Das Vorhaben sollte nicht vergessen werden. Es gibt noch unzählbar viele Schätze zu heben – und sich zu erinnern.

Wer mit ihm unterwegs war, durfte nicht ungeduldig sein. Weder seine Frau Anneliese, noch wir Kollegen von der schreibenden Zunft, die mit ihm auf Reportage-Reise gingen. Seine fotografische Neugier und seine Chronistenpflicht forderten Zeit. Und er nahm sich die Zeit, um im Einfachen das Außergewöhnliche zu entdecken. In Zeiten der Analog-Fotografie wartete er nicht nur auf den richtigen Moment, sondern auch auf das richtige Licht.

In den letzten Jahren sehnte sich der Ruhelose nach Ruhe. Und doch, wen er auch traf, zum Abschied hatte er immer noch den selben Spruch auf Lager. Darin hat er verbunden, was zusammengehörte in seinem Leben und sein Herz höher schlagen ließ. Und so soll dieser Satz auch der letzte Gruß für ihn sein. „Glück auf und gut Licht!“

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