Ostdeutschlands größter regionaler Energiedienstleister enviaM hat einmal hochgerechnet, was eine intelligente Energiewende allein im Verteilnetz kosten würde. Der Unternehmensverbund versorgt mehr als 1,3 Millionen Kunden mit Strom, Gas, Wärme und Energiedienstleistungen. „Wenn jeder in unserem Verteilnetz ein Elektroauto fahren würde, dann müssten wir mindestens eine Milliarde Euro in den Netzausbau investieren, um Erzeugung und Bedarf aufeinander abzustimmen“, sagt Dr. Andreas Auerbach, Vorstand Vertrieb der enviaM. Durch den Einsatz intelligenter Technologien ließe sich dieser Investitionsbedarf deutlich senken. „Allerdings werden die dafür notwendigen Kosten bislang bei der Regulierung der Netzentgelte nicht anerkannt. Hier ist ein politischer Kurswechsel erforderlich. Erste Ansätze sind erkennbar.“

Der nach eigenen Angaben größte ostdeutsche Ökostromanbieter fordert ein Umdenken. „Die Energiewende muss neu gedacht werden. Bisher ist sie lediglich eine Stromwende. Künftig muss sie auch eine Wärme- und Verkehrswende sein, denn rund 80 Prozent des Primärenergieverbrauchs entfallen auf den Wärme- und Verkehrsbereich.“ Das müsse zusammengebracht werden. Auerbach ist überzeugt: „Aus Gründen des Klimaschutzes werden wir künftig neben Gas auch mit Strom aus erneuerbaren Energien Heizen und Fahren.“ Voraussetzung dafür sei die Kopplung des Stromsektors mit dem Wärme- und Verkehrssektor. „Eine Schlüsselrolle dabei spielt die Digitalisierung. Denn ohne Daten können wir die Stromversorgung für die Sektoren nicht steuern“, sagt er. „Die Energiewende wird daher zu Recht als das größte nationale IT-Projekt aller Zeiten bezeichnet.“

Drehscheibe der Digitalisierung sind die Verteilnetze. Sie verbinden Stromerzeuger und Stromverbraucher miteinander und sorgen dafür, dass der Strom aus erneuerbaren Energien jederzeit an jedem Ort für jedermann zur Verfügung steht. Um die Stromversorgung für alle Sektoren flexibel, effizient und intelligent zu ermöglichen, sind die Verteilnetzbetreiber auf die Daten der Stromerzeuger und Stromverbraucher angewiesen. Eine wichtige Schnittstelle sind intelligente Messsysteme, die entsprechende Daten liefern. Stromnetze und Datennetze wachsen zusammen.

„Je schneller und besser zusammenkommt, was im digitalen Zeitalter zusammengehört, desto effizienter lassen sich Netzausbau und Netzbetrieb gestalten“, umreißt Holger Heinze, Leiter Unternehmensentwicklung bei enviaM, den Nutzen für die Allgemeinheit. Und für den Einzelnen, der dann zum Beispiel seine E-Auto-Batterie günstiger laden kann, weil intelligente Mess- und Steuerungssysteme es ermöglichen, den Ladevorgang danach auszurichten, wie viel Strom gerade im Netz ist. Dazu müsste der Energieversorger entweder mit dem Elektroauto kommunizieren können oder mit der Ladesäule. Auch hierfür fehlen noch die entsprechenden regulatorischen Rahmenbedingungen.

„Sehnsüchtig“ erwartet die Unternehmensgruppe die neue Generation intelligenter Messsysteme. „Die Digitalisierung im Messwesen ist ein bedeutender Fortschritt. Intelligente Messsysteme können miteinander kommunizieren. Sie übermitteln die Strom-Daten des Kunden an den Messstellenbetreiber, Netzbetreiber und Stromversorger“, sagt Auerbach und fügt an: „In unserer Anwendergemeinschaft, der 60 regionale Messstellenbetreiber angehören, bereiten wir uns akribisch auf die Einführung der neuen Messgeräte vor, deren Zulassung hoffentlich bald erfolgen wird.“Die Anwendergemeinschaft kümmert sich um mehr als 3,1 Millionen Messgeräte. Das sind knapp 30 Prozent aller Stromzähler in Ostdeutschland.“