Von Silke Halpick

„Über 350 Unterschriften habe ich schon gesammelt“, sagt Regina Winter*. Ihrer Erfahrung nach ist vielen Menschen gar nicht bewusst, dass auch sie die Stichtagsregelung immer wieder tangieren könne, selbst wenn die eigenen Kinder schon groß sind. Denn auch Enkelkinder, Nichten oder Neffen werden irgendwann schulpflichtig. „Ich komme erst auf 45 Stimmen", räumt Mitstreiterin Susanne Meier* ein.

Den beiden Cottbuserinnen ist es eine Herzensangelegenheit, gegen den aktuellen Stichtag für die Einschulung in Brandenburg zu kämpfen. Welche negativen Folgen dieser haben kann, wissen sie aus eigener Erfahrung. Um ihre betroffenen Kinder zu schützen, wollen sie ihre echten Namen nicht öffentlich nennen. „Auch mein Sohn ist ein Septemberkind", erzählt Winter*. Er wurde bereits mit fünf Jahren eingeschult. „Ein Fehler", wie sie heute findet.

In vielen anderen Bundesländern gelten bereits andere Stichtagsregelungen

In Brandenburg werden jedes Jahr Kinder mit fünf Jahren eingeschult. Der Grund ist die geltende Stichtagsregelung: Alle Kinder, die vor dem 30. September geboren sind, werden schulpflichtig. In vielen anderen Bundesländern ist das anders. Meist wird als Stichtag der 30. Juni herangezogen. Lediglich Berlin, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg haben noch die von vielen Betroffenen als ungünstig empfundene Regelung.

Noch Anfang vergangener Woche hatte das Brandenburger Bildungsministerium „keine Veranlassung" gesehen, den Stichtag zu ändern, wie die RUNDSCHAU auf Nachfrage erfuhr. Ganz überraschend enthält jedoch der neue Koalitionsvertrag von SPD, CDU und Grünen eine entsprechende Klausel. Ab wann der neue Stichtag 30. Juni gelten soll, ist allerdings noch unklar.

Unterschriften sammeln für Online-Petition geht weiter

„Ich war völlig überrascht und total begeistert“, erzählt Winter*. Allerdings hätten sich nach der anfänglichen Euphorie auch Zweifel eingeschlichen „Schon vor einigen Jahren gab es einen Vorstoß in diese Richtung, initiiert von der Bildungsministerin Martina Münch“, berichtet sie. Durchsetzen konnte er sich damals allerdings nicht. Deshalb soll auch die aktuelle Online-Petition weiterlaufen.

Noch fünf Wochen werden Unterschriften gesammelt. Um das Quorum zu erreichen, sind 8700 Stimmen aus Brandenburg nötig. Bisher haben 6803 Brandenburger unterschrieben. Die Gesamtzahl der Unterstützer liegt bei 7654 (Stand: 28. Oktober 2017). Bei Erfolg soll die Online-Petition an den Brandenburger Landtag und das Bildungsministerium übergeben werden. Auch in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen haben genau solche Petitionen dafür gesorgt, dass der Stichtag zurückverlegt wurde.

Selbst überdurchschnittlich intelligente Kinder haben mit Problemen zu kämpfen

Auch Experten warnen vor negativen Folgen einer zu frühen Einschulung. Jedes siebte Kind, das mit fünf Jahren in die Schule kommt, müsse noch während der Grundschule ein Jahr wiederholen, haben beispielsweise Forscher vom Institut für Psychologie der Uni Frankfurt/Main herausgefunden.

In seiner berühmt gewordenen Langzeitstudie hatte der Stanford-Psychologe Lewi Termin aufgezeigt, dass selbst überdurchschnittlich intelligente Kinder, die zu früh eingeschult wurden, in ihrem gesamten Leben verstärkt mit Problemen zu kämpfen haben.

Aus Gesprächen mit Betroffenen weiß Winter* auch, dass Schüler, die mit fünf Jahren eingeschult werden, später bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz mitunter Schwierigkeiten bekommen, weil sie ja erst 15 Jahre alt und laut Jugendschutzgesetz noch besonders geschützt sind.

Cottbuser Schulamtsleiter begrüßt die geplante Neuregelung

Begrüßt wird die geplante Neuregelung auch von Uwe Mader, dem Leiter des Staatlichen Schulamtes in Cottbus. In der Vergangenheit habe es immer wieder Kritik von Eltern gegeben, begründet er. Die Zahl der Fünfjährigen, die eingeschult werden, schwanke von Jahr zu Jahr. In diesem Schuljahr waren es den Angaben zufolge allein in der Stadt Cottbus 48 von insgesamt 795 Erstklässlern.

„Das Problem ist ja meist nicht die Intelligenz, sondern die soziale Reife“, sagt Meier*. Ihr Sohn ist gerade erst eingeschult worden, mit fünf. Damit ist er fast ein Jahr jünger als das älteste Kind in seiner Klasse. Als Mutter hatte sie versucht, ihn zurückstellen zu lassen. Doch die Schulleitung der Einzugsgrundschule, die laut Gesetz das letzte Wort hat, sah keine Veranlassung dazu. Ein Verfahren gegen die Entscheidung läuft vor dem Verwaltungsgericht. Doch bis es zu einer Verhandlung und einem Richterspruch kommt, können bis zu vier Jahre vergehen.
(* Name von Redaktion geändert)

Die Online-Petition ist im Internet hier zu finden.