Deutschland spricht in Cottbus: E-Auto-Prämie sozialistisch? Das wurde diskutiert

„Deutschland spricht“ in Cottbus: Niklas Nitschke (l.) und Dagmar Vogt (r.) debattieren, ob die Deutsche Einheit gelungen ist.
Stephan Meyer- LR und MOZ luden zu „Deutschland spricht“ in Cottbus ein – Dialog über Streitfragen.
- Paare mit gegensätzlichen Ansichten diskutierten über Einheit, Zuwanderung und Wirtschaft.
- Einheit: Lehrerduo stritt über Erfolge und Identität, DDR-Strukturen und Verantwortung der Jugend.
- Zuwanderung: Grundgesetz betont, Verantwortung für NS-Verbrechen genannt, Bedarf im Pflegebereich.
- Wirtschaft: Streit über „sozialistische“ Eingriffe vs. „Diktatur des Geldes“; Fazit: Gespräch vor Ort wirkt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Leben wir in Deutschland in einem „fast sozialistischen System“ oder in einer „Diktatur des Geldes“? Alimentiert das Land Flüchtlinge in zu großem Umfang oder sind die Ausgaben recht und billig, weil der Westen „den globalen Süden jahrhundertelang ausgeplündert hat“?
Über diese und andere höchst unterschiedliche Standpunkte haben am Sonntag (30. August) auf Einladung von Lausitzer Rundschau (LR) und Märkischer Oderzeitung mehrere Frauen und Männer in Cottbus diskutiert.
Kern des vom Magazin „Zeit“ entwickelten Gesprächsformats ist, dass Menschen in Zeiten zunehmender Polarisierung wieder stärker direkt miteinander in Kontakt kommen, einander zuhören und Argumente austauschen. „Ein Ziel ist Erkenntnisgewinn durch die Meinung des Gesprächspartners oder der Gesprächspartnerin“, sagte Angela Boll, LR-Redaktionsleiterin in Cottbus und Spree-Neiße, zur Begrüßung der Teilnehmer im LR-Medienhaus in der Cottbuser Straße der Jugend.
Einander zuhören bei „Deutschland spricht“ in Cottbus
Wichtig für das Verständnis der Regeln für die Gespräche: Die Interessenten konnten sich zuvor anmelden und dabei ein paar Fragen beispielsweise zur Deutschen Einheit, Zuwanderung und Wirtschaft mit „ja“ oder „nein“ beantworten. Die Gesprächspaare wurden dann so zusammengestellt, dass Menschen mit unterschiedlichen Meinungen aufeinandertrafen.
Dagmar Vogt und Niklas Nitschke, beide Lehrer, diskutierten darüber, ob die Deutsche Einheit gelungen ist. Ja, findet der Mann, dafür sei er selbst Beleg, denn er sei aus Bayern in die Lausitz gekommen und dort heimisch geworden.
Er fügt hinzu, dass unter anderem der Länderfinanzausgleich dafür sorge, dass Unterschiede zwischen West und Ost ausgeglichen werden. Zudem sehe es mittlerweile in vielen Städten im Westen schlechter aus als in gut sanierten Orten östlich der Elbe.
Dagmar Vogt, die die Deutsche Einheit keineswegs für vollkommen misslungen hält, kann die Einschätzung ihres Gegenübers dennoch nicht teilen. „Mein 1991 geborener Sohn sagt, er sei Ossi“, erzählt sie. Es sei nicht gelungen, genug Menschen in das geeinte Deutschland mitzunehmen.
Das hänge damit zusammen, dass gute Errungenschaften der DDR, wie die Polikliniken und das lange gemeinsame Lernen in der Schule, nach der Wende einfach plattgemacht worden seien. Diese Ignoranz habe bei vielen Menschen zu einem Identitätsverlust geführt, der von Eltern an ihre Kinder weitergegeben worden sei.
Niklas Nitschke äußert Zustimmung für das Argument, dass damals viel verschwunden ist. Aber das sei jetzt 35 Jahre her. Er versteht nicht, wieso Jugendliche in manchen Orten kaum Verantwortung für die Entwicklung ihres Umfelds übernehmen wollen. „Sie klagen, dass es an der oder an der Sache fehlt. Aber ich vermisse manchmal die Einsicht, dass sie selbst ihren Beitrag dazu leisten müssen, dass es besser wird.“
Dagmar Vogt ist überzeugt, dass es hauptsächlich an der verloren gegangenen Identität und an der fehlenden Wertschätzung für die Elterngeneration in den Nach-Wende-Jahren liegt: „Die Leute im Osten haben das persönlich genommen. Und das wurde weitergetragen an die Jugend.“
An einem anderen Tisch wird engagiert über Zuwanderung und die historische deutsche Verantwortung gestritten. Kathrin Kunschke findet, dass Deutschland zu viel Geld für Flüchtlinge ausgebe und Zuwanderung die Schulen in Brandenburg überfordere. Sie beklagt außerdem, dass nach ihrer Einschätzung mancherorts in Deutschland die Scharia gelte, und ärgert sich darüber, dass die Deutschen noch immer für den Zweiten Weltkrieg büßen müssten.
Ihr Gegenüber Heiko Gulbe zieht zur Erwiderung das Grundgesetz im Taschenbuchformat aus der Tasche und sagt: „Das gilt hier, und nichts anderes!“ Er erzählt, dass er jüngst auf die damalige NSDAP-Mitgliedschaft seines Vaters gestoßen sei. Er empfinde Verantwortung für die Verbrechen der Nazi-Zeit. Die Schulen seien auch vor dem vermehrten Eintreffen von Flüchtlingen defizitär ausgestattet gewesen, ergänzt Gulbe. Und ohne Zugewanderte gebe es im Krankenhaus Cottbus zu wenige Pfleger.
An Tisch 1 wiederum treffen konträre Meinungen zur Lage der Wirtschaft aufeinander. Steve Lindemann findet, dass etwa E-Auto-Prämie und Verbrennerverbot sozialistische Maßnahmen seien und staatliche Eingriffe in die Marktwirtschaft komplett unterbleiben sollten.
Sein Gegenüber Frank Riehmann meint, dass wir in einer „Diktatur des Geldes“ leben und man sich leider schon vor längerem schrittweise von der sozialen Marktwirtschaft verabschiedet habe. „Es geht nur noch um Profit, nicht mehr um die Menschen“, sagt er. Lindemann erwidert, dass die freie Marktwirtschaft im Vergleich zu anderen Ansätzen in seinen Augen am besten funktioniert.
Das einhellige Fazit der Runde nach der gut einstündigen Debatte ist, dass es besser sei, live miteinander zu diskutieren, als über Facebook. Viele Teilnehmer zeigen sich überrascht, wie harmonisch die Gespräche trotz teils unterschiedlicher Ansichten waren. „Wir sind uns einiger, als wir uns zugestehen wollen“, staunt der 25 Jahre alte Laurenz Utke.


