Cottbuser Ostsee: Historischer Tag – der größte neue See in Deutschland ist voll

Jeder will den historischen Moment festhalten: Der Einlauf für den Cottbuser Ostsee wird am 23. Dezember 2024 geschlossen. Die Flutung von Deutschlands größtem künstlichen Gewässer ist damit nach fünfeinhalb Jahren abgeschlossen.
Michael Helbig- Der Cottbuser Ostsee hat nach fünf Jahren Flutung seinen Zielwasserstand erreicht.
- Es ist Deutschlands größtes künstliches Gewässer mit 62,5 Metern über Normalnull.
- Der ehemalige Tagebau Cottbus-Nord wurde in fünf Jahren gefüllt, wie geplant.
- Der See füllt eine alte Wunde des Kohleabbaus, der 34 Jahre lang Kohle lieferte.
- Die Flutung traf auf Herausforderungen wie Dürren und Uferabbrüche.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Erstmals zeigt der Cottbuser Ostsee seine wahren Ausmaße Anfang des Jahres 2024, als das Wasser die Innenkippe überflutet. Jetzt hat er seinen Zielwasserstand von 62,5 Metern über Normalnull erreicht und ist damit ganz offiziell Deutschlands größtes künstliches Gewässer. In der Rekordzeit von fünfeinhalb Jahren wird der einstige Tagebau Cottbus-Nord gefüllt. Genau wie vorhergesagt. Doch lange Zeit ist das gar nicht so klar.
Die riesige Wasserfläche verschließt eine alte Wunde. Unter ihr erstreckt sich der einstige Tagebau Cottbus-Nord. 34 Jahre lang liefert er Kohle für das benachbarte Kraftwerk Jänschwalde. Dafür müssen gut 900 Menschen ihre alte Heimat aufgeben – Groß und Klein Lieskow, Lakoma und Tranitz verschwinden von der Landkarte. Dissenchen, Merzdorf und Schlichow verlieren Teile ihre Ortschaften. Heute sind sie Ostseedörfer.

Am 8. April 1981 fährt der erste Kohlezug aus dem Tagebau Cottbus-Nord zum Kraftwerk Jänschwalde.
Jürgen KaffkaDie Braunkohle liegt in etwa 45 Metern Tiefe. Das horizontal gelagerte Lausitzer Flöz ist hier bis zu elf Meter mächtig. Der Tagebau Cottbus-Nord liefert von 1981 bis 2015 rund 220 Millionen Tonnen Kohle für Strom und Briketts zum Heizen.

Die Aufnahme aus dem Jahr 2008 zeigt die Förderbrücke im Tagebau Cottbus-Nord fast genau an der Stelle, an der sich heute der Sportboothafen Teichland befindet. Im Hintergrund steht das Kraftwerk Jänschwalde.
Mario BehnkeDer 23. Dezember 2015 ist ein emotionaler Tag für viele Kohlekumpel. Zu dem Zeitpunkt fährt der letzte Kohlezug aus dem Tagebau Cottbus-Nord. Für die Mitarbeiter des Energieunternehmens bedeutet das eine Zeitenwende. Sie werden in den nächsten Jahren zu Landschaftsgestaltern.

Malte Helm fährt am 23. Dezember 2015 den letzten Kohlezug aus dem Tagebau Cottbus-Nord.
Sebastian KahnertUm mit der Arbeit überhaupt beginnen zu können, müssen die alten Maschinen-Giganten verschwinden. Die Förderbrücke und die Abraumbagger werden zum Großteil verschrottet. Die komplette Tagesbauinfrastruktur wird zurückgebaut. Dazu gehören auch die rund zehn Kilometer Gleise – inklusive Stellwerk und Bahnhof.

Nur noch ein Haufen Stahlschrott: Um die Abraumförderbrücke zu Fall zu bringen, werden 24 Kilogramm Sprengstoff an 150 Stellen eingesetzt. Die F34 war 32 Jahre lang im Einsatz.
Patrick Pleul/dpaDas Seebecken wird aus dem Kippenrelief des einstigen Tagebaus geformt. Dafür sind umfangreiche Erdbauarbeiten erforderlich. 20 Millionen Kubikmeter Kippenboden müssen bewegt werden. Dafür tritt eine ganze Armada von schweren Kippern an. Sie schichten die Erdmassen um, damit später Boote auf dem Ostsee fahren können. Die Mindesttiefe beträgt nur zwei Meter. Kritiker bemängeln das immer wieder. Sie befürchten, dass der flache Cottbuser Ostsee im Sommer besonders viel Wasser verdunsten werde. Zu viel.

Riesige Kipper fahren den Abraum der Kippe zur Bärenbrücker Bucht, um dort die einstige Ausfahrt für den Kohlezug zu verschließen.
Michael HelbigParallel dazu werden die Ufer abgesichert. Dafür werden die Böschungen im Süden, Westen und Norden profiliert und abgeflacht. Das Ostufer und seine vorgelagerten Inseln sind aufgeschüttete Areale. Sie müssen stabilisiert werden. Dabei kommt spezielle Technik zur Rütteldruck- und Fallgewichtsverdichtung zum Einsatz. Dabei wird der Untergrund bis in eine Tiefe von maximal 50 Metern verdichtet. Auf diese Weise entsteht ein rund 16 Kilometer langer und etwa 120 Meter breiter unterirdischer Damm mit fester Bodenstruktur. Er soll dem Ufer dauerhaft Standsicherheit verleihen. Und trotzdem wird es Probleme geben.

Die Wasserrampe für den Cottbuser Ostsee wird vorbereitet: Der Einlauf bei Lakoma wird im April 2019 geöffnet.
Michael HelbigNachdem das Energieunternehmen Leag den Einlauf bei Lakoma im Oktober 2018 fertiggestellt hat, muss die eingehende Funktionsprobe des Bauwerks wegen des niedrigen Pegels der Spree verschoben werden. Ein schlechtes Omen.
Derweil schlägt die Stadt ihre erste große Baustelle am See auf. Seit dem Sommer 2018 wird an der 820 Meter langen Kaimauer gebaut. Die Spundwand mit aufgesetzten Stahlbetonkopfbalken sichert das künftige Ufer des Stadthafens. Der Bau kostet gut sieben Millionen Euro. 80 Prozent davon werden von Land und Bund finanziert.

Der Bau der Kaimauer für den Cottbuser Stadthafen dauert 13 Monate.
Michael HelbigDer Cottbuser Ostsee wird zu 80 Prozent mit Wasser aus der Spree gefüllt, der Rest ist aufsteigendes Grundwasser. Im April 2019 wird der Einlauf bei Lakoma zum ersten Mal geöffnet, nur um wenige Tage später schon wieder geschlossen zu werden. Die Spree führt nicht ausreichend Wasser, um es mit dem künstlichen See zu teilen. Der Start der Flutung fällt in eine mehrjährige Dürrephase. Deshalb gibt es nur in den niederschlagsreicheren Wintermonaten das erforderliche Frischwasser, in den Sommern pausiert die Flutung. Genau das wird zum Problem.

Der Abbruch an der Kaimauer ist vollständig mit Wasserbausteinen verfüllt worden. Hier eine Luftaufnahme vom 11. Mai 2023 am Cottbuser Ostsee.
Michael HelbigIm Jahr 2022 gerät am südlichen Ende der 820 Meter langen Kaimauer ein Uferabschnitt über mehrere Meter ins Rutschen. Lockere Sande im Untergrund waren zuvor in Bewegung geraten und haben ein Loch direkt vor der Spundwand verursacht. Deshalb wird die Standsicherheit der Kaimauer für den Stadthafen lange Zeit infrage gestellt. Es werden aufwendige Bodenuntersuchungen angestellt und das Loch schließlich nach einem ersten Fehlversuch verfüllt. Die Kosten muss voraussichtlich die Stadt Cottbus selbst übernehmen. Nach früheren Angaben belaufen sie sich auf 725.000 Euro. Die zusätzlichen Bohrungen sind in dieser Rechnung jedoch nicht enthalten.

Das Foto zeigt den Cottbuser Ostsee im Jahr 2020. Lange Zeit bietet der einstige Tagebau diesen Anblick. Nur die Randschläuche sind gefüllt.
Michael HelbigWährend die Zweifel am Projekt wachsen, haben Wind und Wellen mit dem Ufer leichtes Spiel. Die Böschungen bieten durch den stagnierenden Wasserspiegel große Angriffsflächen. So kommt es zu zahlreichen Abbrüchen entlang der gesamten Uferlinie. Besonders groß ist der Schreck, als im Frühjahr 2022 das Ufer bei Schlichow wegrutscht. Auf einer Länge von mehr als 500 Metern erstrecken sich die gewaltigen Abbrüche. Daraufhin wird der als Ausflugsziel beliebte Damm eilig gesperrt. Im Sommer 2024 rückt schließlich schweres Gerät an. Die Sanierung zieht sich noch bis ins Jahr 2025. Das Landesbergamt empfiehlt daher dringend, für die Entwicklung des Sees rund um das Ufer einen Streifen zwischen 50 und 75 Metern frei von Bebauungen zu lassen.

Wie eine zerklüftete Küstenlandschaft sieht das Ufer des Cottbuser Ostsees nach den Uferabbrüchen bei Schlichow aus.
Michael HelbigEs gibt aber auch Grund zum Feiern. Im Dezember 2022 wird der Sportboothafen Teichland fertig. Die kleine Gemeinde legt ordentlich vor. In nur elf Monaten wird das Hafenbecken aus dem Ufer geformt. Eine vorgelagerte Insel schützt künftig die 100 Sportboote im Hafen. Mehr als neun Millionen Euro gibt Teichland selbst für den Seehafen aus – 7,2 Millionen kommen vom Land Brandenburg.

Bei seiner Einweihung im Dezember 2022 liegt der Sportboothafen Teichland noch auf dem Trockenen.
Michael HelbigDas Energieunternehmen Leag beginnt im Sommer 2024 mit der Montage von Deutschlands größtem schwimmenden Solarfeld auf dem Cottbuser Ostsee. Nach vier Monaten Bauzeit bringt es die Anlage auf eine stattliche Fläche von 16 Hektar und bedeckt damit auf dem größten künstlich geschaffenen See in Deutschland nicht einmal ein Prozent der Wasserfläche. Dann die Hiobsbotschaft: Nur zwei Monate nach Fertigstellung werden Teile der Anlage durch beschädigt – vermutlich durch hohen Wellengang.

Deutschlands größte schwimmende Solaranlage liegt auf dem Cottbuser Ostsee. Das Bild zeigt die Montage im Sommer 2024.
Patrick Pleul/dpaNach den Dürrejahren mit relativ mäßigem Zufluss für den Ostsee, kommt die ungewöhnlich feuchte Wintersaison 2023/24. Der Wasserspiegel steigt innerhalb weniger Monate um gut drei Meter. Im Februar 2024 wird die Innenkippe zum ersten Mal überspült. Der Cottbuser Ostsee zeigt zum ersten Mal seine wahre Größe. Dann gibt es erstmals sogar im Hochsommer kräftig Wassernachschub. Das Hochwasser in Sachsen und Tschechien bringt einen unerwarteten Schwall. Gleichzeitig profitiert der Ostsee von der geplanten Absenkung des Wasserspeichers Lohsa II für eine Sanierung. Ende November 2024 knackt der See die Marke von 62 Metern.

Seit Februar 2024 ist die Innenkippe komplett überflutet. Der Cottbuser Ostsee zeigt zum ersten Mal seine wahre Größe.
Michael HelbigEinen Monat später erreicht der Cottbuser Ostsee schließlich seinen Zielwasserstand. Es ist der 23. Dezember 2024. Auf den Tag genau neun Jahre, nachdem der letzte Kohlezug aus dem Tagebau Cottbus-Nord ausgefahren ist.