Wenn bei Regina Müller* das Telefon klingelt, weiß die Rentnerin nie, was sie erwartet: ein Gespräch über Einsamkeit im Alltag, Streit mit dem Partner oder Sorgen ums Geld. Regina Müller* gehört zu den 40 ehrenamtlichen Telefonseelsorgern in der Stadt Cottbus. Ihr Name bleibt geheim. Das ist nötig, um die Anonymität zu wahren.

Nicht erst seit der Coronakrise stehen die Telefone bei den Seelsorgern kaum noch still. Doch seit Ausbruch der Pandemie und dem Inkrafttreten weitreichender Einschränkungen fürs Berufs- und Privatleben sei die Nachfrage nochmals um ein Vielfaches gestiegen, wie Corinna Preuß, Leiterin der Cottbuser Einrichtung, bestätigt.

Doch es gibt auch einen Lichtblick: Viele der Ehrenamtler haben ihre Dienstzeiten verlängert, weil sie aktuell mehr Zeit haben und den Bedarf erkennen. „Wir können bis zu 50 Prozent mehr Gesprächszeit anbieten“, sagt Preuß.

Alte Menschen in Cottbus haben Angst vor Verlust ihrer Selbstständigkeit

Was beschäftigt nun die Menschen in diesen besonderen Zeiten? Nach wie vor sind es die drei großen Bereiche Familie, Gesundheit, Geld, die mehr oder weniger stark durch die Corona-Thematik beeinflusst werden. „Die Kontaktbeschränkung betrifft uns ja alle“, sagt Preuß. Neben großer Verunsicherung gebe es auch Wut und Ärger. Alte Menschen haben Angst, den letzten Rest ihrer Selbstständigkeit zu verlieren. Psychisch Kranken fehlt die dringend nötige Tagesstruktur. Arbeitnehmer bangen um ihren Job. Eltern kommen bei der Kinderbetreuung an ihr persönliches Limit.

Die Telefonseelsorger hören zu, auch dann noch, wenn das für Familienangehörige und Freunde längst schon zu anstrengend geworden ist. Für den Betroffenen selbst ist das Thema immer noch ein Dauerbrenner, andere können es nicht mehr hören. Ratschläge geben die Telefonseelsorger allerdings nicht. „Die Betroffenen wissen selbst am besten, wo ihre Stärken liegen“, begründet Regina Müller*. Diese Potenzial zu nutzen und selbst Ideen zu entwickeln, darum gehe es.

Rund 8000 Gespräche führen Cottbuser Telefonseelsorger im Jahr

Die Telefonseelsorger werden auf ihre Arbeit vorbereitet. Sie durchlaufen eine einjährige Ausbildung, zu der neben Schulungen auch Hospitationen gehören. Im Gegenzug verpflichten sie sich, mindestens drei Jahre lang als Telefonseelsorger tätig zu sein. „Kaum jemand geht nach dieser Zeit“, sagt Preuß. Die meisten sind seit sieben oder acht Jahren dabei, manche sogar schon seit der Gründung der Einrichtung in ökumenischer Trägerschaft im Jahr 1993.

Rund 8000 Gespräche pro Jahr werden geführt. „Vor zehn Jahren waren es noch rund 10 000 Anrufe“, räumt Preuß ein. Allerdings habe auch die Länge der Gespräche zu- und gleichzeitig die Zahl der Ehrenamtler abgenommen. Mitstreiter werden immer gesucht. Der Großteil der Telefonseelsorger sind Rentner. Viele handeln aus der Motivation heraus, anderen Menschen und der Gesellschaft helfen zu wollen.

Cottbuser Telefonseelsorger sind zur Verschwiegenheit verpflichtet

Rühmen können sich die Telefonseelsorger allerdings nicht mit ihrem sozialen Engagement. Sie sind zu Verschwiegenheit verpflichtet. Nur die engsten Familienangehörigen werden eingeweiht. „Die Anonymität ist ein wichtiger Grundsatz der Telefonseelsorge“, erklärt Preuß. Dadurch soll den Betroffenen der Zugang erleichtert werden. Selbst die Anzeige der Rufnummer ist unterdrückt. Das hat aber auch den Nachteil, dass ein einmal unterbrochenes Gespräch – beispielsweise weil der Netzempfang zu schlecht ist – nicht wieder aufgenommen werden kann.

„Der Gesprächsbedarf ist enorm gestiegen, die Verunsicherung groß“, sagt Preuß. Viele Menschen fragen sich inzwischen, wie sie die aktuellen Beschränkungsmaßnahmen weiter durchhalten können. Die Telefonseelsorger können zwar nichts an der Gesamtsituation ändern, aber Trost spenden und Mut machen. „Am Ende eines guten Gespräches lachen wir sogar wieder gemeinsam“, erzählt Regina Müller*.

(* Name von der Redaktion geändert)

Telefonseelsorge rund um die Uhr


Die kirchliche Telefonseelsorge ist ein kostenfreies und anonymes Angebot. Der Anruf wird auf keiner Telefonrechnung verzeichnet, sodass ihn auch Familienmitglieder nicht nachvollziehen können. Die Telefonseelsorge kann rund um die Uhr unter den Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222 erreicht werden. Die Länge eines Anrufs ist unbegrenzt. Auch ein Kontakt per Chat und E-Mail ist möglich unter www.telefonseelsorge.de.

Laut Statistik der Telefonseelsorge wurden deutschlandweit im Jahr 2017 ingesamt mehr als neun Millionen Anrufe entgegengenommen. Die meisten Gespräche dauern bis zu 30 Minuten. Die Zahl der weiblichen Anrufer ist doppelt so hoch wie die der Männer. Vier von fünf rufen wiederholt an.