Die Arbeitsagenturen in Südbrandenburg und Ostsachsen sehen die ersten massiven Auswirkungen der Coronakrise auf den Arbeitsmarkt: Nach aktuellen Stand sind in den beiden Lausitzer Agenturbezirken 113 000 Menschen für Kurzarbeit angemeldet. Heinz-Wilhelm Müller, Chef der Arbeitsagentur in Cottbus: „In unserem Bezirk haben rund 5500 Betriebe Kurzarbeit angemeldet, betroffen sind davon 50 713 Arbeitsplätze.“

Im Vorjahr waren nur 226 Menschen von Kurzarbeit betroffen. „Einen solchen Aufwuchs hatten wir noch nie“, sagt Müller, immerhin könnte fast jeder fünfte sozialversicherungspflichtige Job in Südbrandenburg demnächst in Kurzarbeit gehen.

Kurzarbeit Null in vielen Betrieben in Ostsachsen

In Ostsachsen sieht die Situation ähnlich aus.Dort haben knapp 6000 Betriebe Kurzarbeit angemeldet, sie wollen 63 000 Arbeitsplätze runterfahren, zum Großteil offenbar auf Kurzarbeit Null. Ob tatsächlich all diese Möglichkeiten zur Kurzarbeit in Anspruch genommen werden, lässt sich erst in drei Monaten sagen: Erst dann habe alle Arbeitgeber die realen Abrechnungen für die in Anspruch genommene Kurzarbeit vorgelegt.

Nürnberg/Cottbus

Heinz-Wilhelm Müller weiß, wie sehr Kurzarbeit das Leben der Betroffenen einschränkt. „Aber wir müssen auch das Positive sehen: In kaum einem anderen Land der Welt werden Arbeitsplätze derart unterstützt wie bei uns.“ Gäbe es das Instrument der Kurzarbeit nicht, gäbe es in Südbrandenburg auf einen Schlag 50 000 Arbeitslose mehr. „Dann läge unsere Arbeitslosenquote bei 25 Prozent“, sagt Müller.

Er hofft, dass die Kurzarbeit den Betrieben hilft, die nächsten Wochen über die Runden zu kommen. „Dann gäbe es keine dauerhafte strukturelle Delle im Arbeitsmarkt“, so Müller.

Für den März verzeichnet die Südbrandenburger Agentur 20 536 gemeldete Arbeitslose. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg um 9,9 Prozent (1857 Arbeitslose mehr im April 2019). Entlassen wurden im vergangenen Monat vor allem Beschäftigte in der Gastronomie, im Bereich Ausbau, im Einzelhandel und in der Pflege (Arztpraxen).

Arbeitslosenquote steigt in der Lausitz

Die Arbeitslosenquote in Südbrandenburg liegt aktuell bei 6,5 Prozent (März: 5,9 Prozent). Brandenburg liegt aktuell bei 6,2 Prozent, deutschlandweit ist die Quote 5,8 Prozent. „Alles höher als sonst, aber noch keine Katastrophe“, sagt Agenturchef Müller.

Im Agenturbezirk Bautzen liegt die Quote aktuell bei 6,6 Prozent, etwas höher als im Vormonat. 1147 Menschen haben neu ihren Job verloren, insgesamt haben sind 18 000 Menschen in Ostsachsen arbeitslos gemeldet.

Zählt man zu der Zahl der Arbeitslosen noch alle Menschen, die in Maßnahmen des Jobcenters beschäftigt sind, kommt man in Südbrandenburg auf rund 25 000 Menschen, die unterbeschäftigt sind. Dieser Wert liegt leicht unter dem des Vorjahres.

Leiter der Arbeitsagentur: Wir werden ein Leben nach Corona haben

In Ostsachsen fallen 23 476 Personen in die Kategorie „unterbeschäftigt“. Das ist ein Rückgang im Vergleich zum April 2019 um 3,6 Prozent. Bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen liegt die Unterbeschäftigungsquote in Ostsachsen und in Südbrandenburg derzeit bei 8,2 Prozent.

Wie es in den kommenden Wochen auf dem Arbeitsmarkt weitergeht, hängt von den politischen Entscheidungen in Bund und Ländern ab. „Aber es ist schon jetzt sicher: Wir werden ein Leben nach Corona haben, dass uns dann auch wieder mit Fachkräfte- und Ausbildungskräftemangel beschäftigen wird“, sagt der Cottbuser Agenturchef Müller. Sein Rat an die Arbeitgeber: „Auch jetzt daran denken, sich Auszubildende zu sichern.“ Denn auch wenn aktuell viele Arbeits- und Ausbildungsangebote eingefroren sind: Auch im September werde es wieder deutlich mehr freie Lehrstellen als Bewerber geben.

Trotz Coronakrise: Es gibt noch Jobs in der Lausitz

An freien Stellen mangelt es auch in zeiten der Krise in einigen Branchen nicht. Für Arbeitgeber, die aktuell Personal suchen, hat die Agenur eine Hotline eingerichtet. Sie steht auch Kurzarbeitern, Studenten oder Schülern offen, die sich etwas dazuverdienen wollen: Die Hotline ist unter 0331/8803000 erreichbar.

„Teile des Einzelhandels, Bestimmte Pflegebereiche und vor allem die Landwirtschaft suchen Leute“, sagt Heinz-Wilhelm Müller. „Wir müssen nicht unbedingt rumänische Erntehelfer einfliegen. Auch einige unserer Arbeitslosen könnten sich durchaus auf den Gurkenflieger legen.“

Der Ansturm auf das Kurzarbeitergeld


Die Arbeitsagenturen sind aktuell vor allem mit der Antragsflut in Sachen Kurzarbeitergeld beschäftigt und haben ihr Personal in diesem Bereich zum teil verzehnfacht. Trotzdem gibt es zahlreiche Unternehmen, die sich über zu lange Bearbeitungszeiträume ärgern.

Heinz-Wilhelm Müller von der Arbeitsagentur Cottbus: „Wir sind in der Regel sehr schnell bei der Bearbeitung und können wenige Tage nach Einreichen der Abrechnungen das Geld auszahlen.“ Zu Verzögerungen komme es, wenn bestimmte Angaben fehlten und Unterlagen unvollständig seien.

Plant ein Betrieb Kurzarbeit, muss dies zunächst der Arbeitsagentur angezeigt werden. Das Kurzarbeitergeld wird zunächst vom Arbeitgeber ausgezahlt, dann über die Arbeitsagentur abgerechnet.

Betriebe können ihre Beschäftigten komplett oder nur zu bestimmten Prozentsätzen auf Kurzarbeit setzen. Bevor diese Kurzarbeit wirksam wird, müssen allerdings erst alle Überstunden der betroffenen Beschäftigten abgebaut sein.