Der erste Lausitzer Patient mit Covid-19 ist im März im Carl-Thiem-Klinik (CTK) Cottbus aufgenommen worden. „Den Tag werde ich so schnell nicht vergessen“, sagt Dr. Michael Prediger, der Chefarzt der zuständigen medizinischen Klinik. „Alle Mitarbeiter unserer Klinik waren durch die Berichte in den Medien sensibilisiert, keiner kannte das Krankheitsbild und niemand wusste, was auf uns zukommt.“ In den Medien sei anfangs nur von einer „fieberhaften Erkrankung“ gesprochen worden.
Der betroffene erste Patient war aus Ischgl von einem Ski-Wochenende zurückgekommen und schwer erkrankt. Von amerikanischen Freunden, die mit ihm dort waren, mussten ebenfalls 17 in einem New Yorker Krankenhaus behandelt werden, zwei verstarben.
In der Cottbuser Lungenklinik sind im Frühjahr insgesamt zehn Patienten behandelt worden, wenige im Vergleich zu den anderen Bundesländern. „Die Patienten waren im Schnitt um die 60 Jahre alt, also relativ jung“, sagt der Arzt.

Cottbus/Spremberg

Cottbus wird vom Wunder der Coronakrise zum Hotspot

Damals war Cottbus das „Wunder der Coronakrise“. Bürger und Behörden hatten das Virus gut im Griff. Es breitete sich gedämpft – hauptsächlich bei Kontaktpersonen in Quarantäne – aus. Die Corona-Fahnder des Gesundheitsamtes konnten die Infektionsketten schnell und gut nachvollziehen.
Im Sommer passiert aus infektiologischer Sicht nichts, kein Covid-19-Patient wird aufgenommen. Die vorbereiteten Stationen sind leer. Etwa 100 Verdachtsfälle auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 kommen in die Klinik. Keiner wird bestätigt.
Die Herbst-Coronawelle indes ist heftig in der Stadt. Mitte Oktober überholt die Stadt beim 7-Tage-Indizienzwert, also den Ansteckungen auf 100 000 Einwohner, sogar Berlin. Cottbus ist plötzlich das Corona-Krisengebiet in Brandenburg.

Gute Bedingungen für Corona-Patienten in Cottbuser Lungenklinik

Das Carl-Thiem-Klinikum ist gut aufgestellt: Das „Haus 41“, die Lungenklinik mit einer speziellen Belüftungstechnik, wird für Pandemie-Patienten ausgestattet. Lungen-Spezialist Michael Prediger lobt diese „geniale Idee“ des ehemaligen Chefarztes der Mikrobiologie Dr. Werner Bär.
Prediger hat alle Covid-19-Patienten, die bisher im CTK behandelt worden sind, persönlich erlebt. „Inzwischen haben wir mehr als 70 Patienten stationär betreut, davon mehr als 60 allein im Monat Oktober. Diese Patienten sind, im Gegensatz zum Frühjahr, deutlich älter und haben viele Begleiterkrankungen“, sagt der Chefarzt.
„Für mich stellt sich Covid-19 eindeutig als Systemerkrankung dar. Denn es ist bei diesem Krankheitsbild nicht nur die Lunge als Organ betroffen. Untersuchungen haben gezeigt, dass auch das Herz, das Zentralnervensystem, die Muskulatur und andere Organsysteme beteiligt sein können“, erklärt Prediger.

Mehr Schwerkranke durch Corona als bei Influenza

Im Unterschied zur Influenza (Grippe) sind die meisten der Sars- CoV-2 infizierten Personen symptomlos, merken nichts von ihrer Infektion, sind aber dennoch ansteckend. Die Erkrankten, die dann stationär betreut werden müssen, sind alle schwer beeinträchtigt. Vor allem die ausgeprägte Atemnot steht im Vordergrund.
Die durchgeführten Blutgasanalysen zeigen deutliche pathologische Veränderungen: Die Sauerstoffparameter im Blut sind extrem niedrig, sodass alle Patienten eine hohe Sauerstoffzufuhr erhalten müssen. Weitere typische Symptome sind die ausgesprochene Leistungsschwäche, Abgeschlagenheit, Muskel- und Gliederschmerzen sowie oft ein quälender, produktiver Husten.

Betagte Lausitzer leiden stark unter der Corona-Herbstwelle

„Verglichen mit den Influenza-Infektionen ist der Anteil an Schwerkranken, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, höher. Deshalb gibt es tägliche Abstimmungen mit den Intensivmedizinern unseres Hauses“, sagt Prediger. Er bestätigt auch, Corona trifft jetzt stark die Altersgruppe zwischen 75 und 90 Jahren.
Von Corona betroffene Patienten haben während des gesamten Krankenhaus-Aufenthaltes keinerlei persönlichen Kontakt zu Angehörigen. Das sei zusätzlich enorm belastend. Pflegepersonal und Ärzte versuchen, die Patienten aufzumuntern, ihnen die Zeit auf der Station erträglich zu machen.
„Es gibt durchaus auch mal Tränen beim Personal. Denn neben der körperlichen Belastung ist momentan der psychische Druck besonders hoch. Deshalb versuchen wir, uns durch Gespräche gegenseitig mental aufzubauen“, schildert Michael Prediger.

Kliniken brauchen mehr infektiologisch ausgebildetes Personal

Die Pandemie lehrt zudem: „Wir müssen uns künftig besser auf solche Situationen vorbereiten“, sagt Prediger. Das gesamte medizinische Personal müsse infektiologisch weitergebildet werden, nicht nur das der Lungenklinik. „Ich bin nicht nur Pneumologe, sondern als Infektiologe seit vielen Jahren auch Prüfungsvorsitzender an der Landesärztekammer Brandenburg für das Fach Infektiologie. In der gesamten Zeit haben nur zwei Kollegen die Prüfung für dieses Teilgebiet abgeschlossen. Im Land Brandenburg haben wir leider nur eine Handvoll Infektiologen, denn bisher wurde dieser Fachbereich völlig unterschätzt“, sagt der Cottbuser Arzt.