Von Nils Ohl

Normalerweise kümmern sich Bänker um Geld, doch die Bänker der Commerzbank in Cottbus machen sich derzeit viele Gedanken um eine Straße – die neue Seidenstraße. „Die Seidenstraße ist keine Vision mehr, sondern liegt ausgerollt vor den Toren Europas“, sagt Nikola Köller, Niederlassungsleiterin Firmenkunden des Kreditinstituts in Cottbus.

Die neue Seidenstraße, oder exakt die „Belt & Road Initiative“, ist ein von China angestoßenes gigantisches Infrastrukturprogramm, das größte weltweit, in das über eine Billion Dollar fließen. Es soll auf Straße, Schiene und per Schiff Asien mit Europa und Afrika auf ganz neue Weise verbinden. Doch warum beschäftigen sich Cottbuser Finanzfachleute mit dem Thema?

„Die Seidenstraße ist aus chinesischer Sicht nur erfolgreich, wenn auch die westeuropäischen Häfen, wie Rotterdam, angebunden sind. Eckpunkt der Seidenstraße in Deutschland soll zum Beispiel der Binnenhafen von Duisburg werden. Container brauchen künftig vom Rhein nach China per Zug etwa elf Tage, viel weniger als per Schiff“, erklärt Köller. „Der Druck aus Osten ist hoch, die ,letzte Meile’ zu schaffen. Und die Lausitz liegt direkt auf der kürzesten Linie vom Niederrhein nach Osteuropa.“

Cottbus und die Region, so Köller, müsse die Themen Kohleausstieg, Ausbau der Infrastruktur und Seidenstraße zusammen denken. So seien viele Strukturwandel Projekte, wie der Ausbau der Bahnverbindungen zwischen Cottbus und Berlin, Leipzig, Dresden sowie nach Polen der richtige Ansatz. „Aber wer jetzt unterwegs ist, erlebt, dass die Straßen voll sind und die Schiene schlecht funktioniert“, so Köller „Wir werden abgehängt, wenn wir unsere Planungsverfahren nicht effektiver gestalten. Während wir uns auf unserem Wohlstand ausruhen, ziehen die Chinesen vorbei.“

Längeres Abwarten sei die falsche Strategie. Deshalb habe die Commerzbank jetzt speziell auf die Seidenstraße zugeschnittene Angebote für den regionalen Mittelstand entwickelt. „Auch wenn die Unternehmen in und um Cottbus noch keine konkrete Handlungszwänge spüren, sollten sie sich darauf einstellen, dass die Seidenstraße die Handelsbeziehungen nach ganz Asien völlig verändern wird“, sagt Mathias Paulokat, Pressesprecher der Commerzbank.

Nikola Köller ergänzt: „Es ist ganz wichtig, dass auch hiesige Banken in Projekte regionaler Unternehmer im Zusammenhang mit der Seidenstraße einsteigen, damit es keine alleinige Abhängigkeit von China gibt.“ Damit hätten viele Partner der Chinesen schon schlechte Erfahrungen gesammelt, was auch einer der Hauptkritikpunkte am Gesamtprojekt Seidenstraße ist.

Die Niederlassungsleiterin verweist auf die besondere Expertise der Commerzbank bei der Finanzierung von Außenhandelsgeschäften: 30 Prozent des gesamten deutschen Außenhandels werden über die Commerzbank abgewickelt. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, die bei der Commerzbank statistisch zusammengefasst sind, hat die Bank allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 2019 die Summe von 302 Millionen Euro an Exportumsätzen betreut, davon 39 Millionen nach China und Hongkong. Für spezifische Angebote rund um das Thema Seidenstraße hat die Commerzbank jetzt eine Kooperation mit der Industrial and Commercial Bank of China, der größten Bank von China, vereinbart.

Was hat ein regionaler Mittelständler davon? „Wenn ein Unternehmer mit einer Idee kommt, werden wir sie ernsthaft diskutieren und besprechen, wie wir das auf die Beine stellen können“, verspricht Nikola Köller. Die Commerzbank könne von ihrer Filiale in Cottbus aus helfen, Kontakte ins Ausland herzustellen, zum Beispiel zu Institutionen in China, oder zum weltweiten Netzwerk an Korrespondenzbanken. „Und wir haben dieses Netzwerk nicht nur in China, sondern auch in den vielen Ländern dazwischen, wo durch die Seidenstraße gerade ganz neue Märkte entstehen“, betont Köller.