Prof. Dr. Ottmar Edenhofer ist der Chef des Potsdam Instituts für Klimafolgen-Forschungen und einer der einflussreichsten Ökonomen Deutschlands, wenn es um die Themen Klimawandel und Energiewende in Deutschland geht. Tatsächlich ist der Wissenschaftler mit dem markant rollenden, bayrischen „R“ kein Meteorologe, Geograf oder Physiker. Er ist Wirtschaftswissenschaftler und beschäftigt sich in dieser Profession seit vielen Jahren mit der derzeit wohl größten Herausforderung unserer Gesellschaft. Und dass er durch die „Brille“ des Wirtschaftswissenschaftlers auf die aktuelle Umweltpolitik der Bundesregierung schaut, das hat Ottmar Edenhofer auch in Cottbus gleich zum Anfang seiner Vorlesung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Open BTU“ in dieser Woche klar gesagt.

Seine Überschrift dabei: „Klimastreik und Klimakabinett – Was vom Klimapaket der Bundesregierung zu halten ist“. Ottmar Edenhofer erwies sich vor mehreren hundert interessierten Zuhörern im extra großen Audimax der Uni einmal mehr als begnadeter Erklärer. Die Atmosphäre beschrieb er anschaulich als „Deponie“ oder „Badewanne ohne Abfluss“ für den CO2-Ausstoß der Menschheit. Dabei präsentiert sich der Professor aus Potsdam keineswegs als ein Angstmacher und Hysteriker auf seinem Wissenschaftsgebiet. Vielmehr ist er ein nüchterner Analytiker und Beobachter – ein Feststeller – der bisher in Sachen Klima unwiderlegten Gegebenheiten.

Ingenieure allein reichen nicht

Edenhofer zeigte in in Cottbus auf, dass nur ein Restwert von rund 1100 Giga-Tonnen-CO2 bleibt, der in der Atmosphäre abgelagert werden kann, wenn das propagierte 2-Grad-Ziel bei der Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur nicht überschritten werden soll.

Ingenieure allein können nach Auffassung des Professors die Herausforderungen dabei nicht lösen. Denn bisher seien die Erfolge des technischen Fortschritts durch das Wachstum regelmäßig wieder aufgefressen worden.Deutlich wird das beim Fahrzeugbau, wo bisher immer effizientere Triebwerke dafür sorgen, dass die Autos immer größer und schwerer werden. Klar: Früher hat halt ein VW Golf sieben Liter Sprit gebraucht, heute ist es eben ein SUV. Und ähnliches gelte für unsere Wohnungen, die im Durchschnitt zwar immer energieeffizienter werden, gleichzeitig aber im Durchschnitt eben auch immer größer.

Warum sich ein Co2-Preis lohnt

Ottmar Edenhofer ist daher fest davon überzeugt, dass nur ein spürbarer CO2-Preis und der Umbau des deutschen Energiemarktes mittelfristig dafür sorgen kann, auch neue ingenieurtechnische und marktwirtschaftliche Kreativität freizusetzen. Bisher beispielsweise ist die Entwicklung neuer Speichertechnologien ein wirtschaftlich uninteressantes Feld, weil auch jeder Speicher als sogenannter „Endverbraucher“ mit horrender Stromsteuer und Netzentgelten belegt wird. Auf dieser Basis ist die Entwicklung von Speichertechnologien kein „Geschäftsfeld“ mit dem sich zukünftig Geld verdienen lässt. Kein Unternehmen kann daher Interesse an Neuentwicklungen haben.

Die Angst der Bundesregierung

Ein kompromisslos Marktversessener ist Ottmar Edenhofer dabei aber keineswegs. Er ist fest davon überzeugt, dass von der Rückzahlung einer „CO2-Dividende“ gerade einkommensschwache Haushalte spürbar in ihrem Portmonee profitiert hätten. Deshalb wirft Edenhofer der Bundesregierung auch vor, Angst zu haben vor einer konsequenten Energiewende. Die jetzt, halbherzigen Beschlüsse würden allein dafür sorgen, dass die „Mittelschicht geschröpft“ und die Klimaziele nicht erreicht würden, ist Ottmar Edenhofer überzeugt. Die Folge: Deutschland werde ab Anfang der 2020-er Jahre zwischen drei und sechs Milliarden Euro pro Jahr an die EU als Ausgleich zahlen müssen, weil das Land die vorgebenen Klimaziele nicht erreicht.

Warum Bevölkerungswachstum notwendig ist

Auch diesmal hatten die Zuhörer bei „Open BTU“ wieder die Möglichkeit, ihre Fragen an den Fachmann zu stellen. Das Spektrum war breit – kein Wunder in einer Energieregion – und reichte von den Möglichkeiten der Kernkraft neuester Generation bis hin zur kritischen Frage des Bevölkerungswachstums auf der Erde. Ein Thema, das in diversen Internet-Foren oft für fragwürdige Einigkeit sorgt. Das Thema „konterte“ Ottmar Edenhofer mit beeindruckend entwaffnenden Argumenten am Beispiel Chinas. Dort lässt viele Jahzehnte propagierte Ein-Kind-Politik die Gesellschaft auf dramatische Weise altern. „Wer soll die Sozialsysteme in Schwung halten und die vielen Alten versorgen, wenn es keinen Nachwuchs gibt...?“

Mit diesem youtube-Video sorgt Ottmar Edenhofer gerade für viel Aufmerksamkeit.

Der frühere Chef des Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn, sieht die Klimapolitik ein bisschen anders.