Glückliche Preisträger und Zuschauer haben die Kinosäle des 29. Cottbuser Filmfestivals verlassen: Mehr als 200 Produktionen sind von 22 000 Besuchern angeschaut und von der internationalen Festival-Jury bewertet worden. Preise im Wert von 75 000 Euro wurden vergeben.

Den Hauptpreis für den besten Film, dotiert mit 25 000 Euro (Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten/GWFF) hat der bulgarische Film „Schwester“ von Svetlana Tsortsorkova abgeräumt.

Die Regisseurin zeigt ein bildsprachlich eindrucksvolles, konfliktreiches Familienporträt, das die Jury in den höchsten Tönen lobt: „Wenn ein Film dem Kino das gibt, was das Kino am meisten liebt, dann ist die Begeisterung des Publikums und der Jury die gleiche: Es geht um faszinierende Porträts, soziale und persönliche Konflikte und viele kleine Einfälle, die die Hauptfigur kontinuierlich in den Film einbringt“, heißt es in der Laudatio.

Drei Frauen unterschiedlichen Alters suchen ihre Position in der Gesellschaft und begegnen einem Autoschrauber. Auf außergewöhnliche Weise entstehe eine Alltagsgeschichte, die prächtig fotografiert sei, den Betrachter intensiv zum Erleben einlade und jedem Charakter einen eigenen filmischen Raum gebe.

Analytisch scharf erzählte Geschichten

„Die Filme des 29. Filmfestival Cottbus haben Branchengäste und Kinozuschauer mit stilistischer Vielfalt und analytischer Schärfe in ihren Bann gezogen. Mit den ungewöhnlichen Blickwinkeln, mit denen das osteuropäische Kino seine Geschichten erzählt, reflektiert es 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs pointiert soziale, historische und persönliche Erfahrungen“, sagt Programmdirektor Bernd Buder zum Abschluss. Damit mische sich das Festival erfrischend ehrlich und emotional berührend in die aktuellen Diskussionen über relevante Themen ein. „Die Jurys belohnten mit ihren Entscheidungen den Mut zu stilistischer Grenzüberschreitung, kollektiver Leistung und der Freude an einem Dialog, der schwierige Themen offen anspricht und damit die gesamte Gesellschaft mitnimmt“, kommentiert Buder.

Lob für den Mut zur nackten Tatsache

Den Spezialpreis für die Beste Regie im Wert von 7500 Euro (gestiftet vom Rundfunk Berlin-Brandenburg/rbb) hat Teodor Kuhn „Mit einem scharfen Messer“ gewonnen.

„Die Regie dieses Films beweist eindrucksvoll, dass die Auseinandersetzung mit einem brisanten Thema nicht dazu führen muss, dass ein Spielfilm auf Kosten der Emotionalität Tatsachen außen vor lässt. Überzeugende Team- und Schauspielerleistung machen diesen Film zu einem filmischen Erlebnis und einem gesellschaftlichen Zeichen der Zeit“, begründet die Jury.

Mit dem Preis für eine herausragende Darstellerin, gestiftet von der Stadt Cottbus in Höhe von 5000 Euro, würdigt die Jury die Leistung der gesamten weiblichen Besetzung des Films „Agas Haus“. Das Schauspielerinnen-Ensemble habe den Preis verdient „für die äußerst kraftvolle, lebendige und detailreiche Darstellung in einem Film, der die dramatischen Veränderungen eines Balkanlandes auf vielfältige Weise widerspiegelt“.

Den komplizierten Charakter präzise getroffen

Den Preis für einen herausragenden Darsteller, ebenfalls dotiert mit 5000 Euro und gestiftet von der Sparkasse Spree-Neiße, erhält Alban Ukaj. Er überzeugte die Jury in der Cottbuser Weltpremiere von „Full Moon“ in seiner Rolle als Polizist Hamza, der sich dazu entscheidet, aus dem korrupten Zirkel auszusteigen. Die Jury verkündet feierlich: „Für Alban Ukaj – für sein organisches und sehr präzises Spiel eines komplizierten Charakters.“

Im Wettbewerb Kurzfilm setzte sich „Franka Franka“ von Mitriy Semenov-Aleynikov durch. Der belarussische Beitrag gewinnt den mit 2500 Euro dotierten Hauptpreis, gestiftet von der Druckzone Cottbus. Die Jury dazu: „Dieser Film hat eine so intensive Bildsprache, eine rohe Schönheit, verspielt, von leicht fröhlich bis schwer erdrückend, von Schwarz-Weiß bis Farbe, von Hass, Liebe, Angst bis Sehnsucht, dass die eigene Gefühlswelt auf den Kopf gestellt wird. Es ist eine große Freude, den Schauspielerinnen und Schauspielern zuzuschauen, den inneren Kampf von Rachegedanken, Mitleid und Nächstenliebe zu erleben und sich selbst am Ende des Films einer schwierigen Gewissensfrage konfrontiert zu sehen.“

Vorurteilen mit Humor begegnet

Der rumänische Regisseur Adi Voicu sicherte sich mit „Eine letzte Reise zum Meer“ den Spezialpreis in Höhe von 1500 Euro, gestiftet von Tiede+. Die Kurzfilm-Jury erklärte: „Wir alle haben Vorurteile, wir alle liegen damit meist falsch und die beste Art und Weise damit umzugehen ist der Humor. Dieser Film fängt genau das ein, er ist amüsant, regt zum Nachdenken an, ohne den Zeigefinger zu erheben und lässt uns am Ende erkennen, dass wir doch eigentlich alle im selben Zug sitzen.“

Schüler aus Polen, Tschechien und Deutschland haben die Jury für den Jugendfilm-Wettbewerb (unter 18 Jahren) gebildet. Der slowakische Film „Es werde Licht“ ist der Gewinner. Regisseur Marko Škop erhält den mit 3000 Euro dotierten Preis für den besten Jugendfilm, gestiftet von der Lausitz Energie Bergbau AG (Leag). „Wir haben uns für diesen Film entschieden, weil er uns die komplizierten Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern geschickt gezeigt hat. Die Schauspieler spielten die Emotionen in einer sehr glaubwürdigen Form. Wir schätzen es, dass der Film auf die besonderen Situationen und Einstellungen in einer kleinen Dorfgemeinschaft hinweist“, begründet die Jury.

RUNDSCHAU-Chefredakteur Oliver Haustein-Tessmer übergab an die Regisseurin Lyubov Borisova den Publikumspreis für den Film "Die Sonne über geht nie unter".
© Foto: Michael Helbig

Der Publikumsfilm kommt aus Russland

Bei den Besuchern ist „Die Sonne über mir geht nie unter“ von Liubov Borisova am besten angekommen. Die russische Regisseurin erhält damit den Publikumspreis, dotiert mit 3000 Euro und gestiftet von der LAUSITZER RUNDSCHAU. Chefredakteur Oliver Haustein-Teßmer hat den Preis übergeben.

Weitere Preise des Cottbuser Filmfestivals 2019


Den Dialog-Preis für die Verständigung zwischen den Kulturen, gestiftet vom Auswärtigen Amt und dotiert mit 3000 Euro, erhält Regisseurin Petra Szőcs für „Deva“.

Mit dem Preis für den besten Debütfilm, dotiert mit 3000 Euro und gestiftet von der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg sowie der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“, zeichnet die Jury den Beitrag „Das Tagebuch der Diana Budisavljevic“ von Dana Budisavljević aus.

Die Jury der internationalen Vereinigung von Filmkritikern und Filmjournalisten zeichnet die russische Regisseurin Liubov Borisova für ihr Werk „Die Sonne über mir geht nie unter“ aus.

Der Preis der Ökumenischen Jury geht an „Full Moon“ von Nermin Hamzagić.