Von Christian Taubert

An der Landesstraße 49 zwischen Cottbus und Vetschau riskiert der Autofahrer schon mal einen Blick zum Gewerbegebiet Krieschow. Und entdeckt die Aufschrift 4U-onlinehandel. Hier hat sich der aus Moldawien stammende Igor Melamud ein Unternehmen aufgebaut, das bis zu 22 Mitarbeiter zählte und einen Umsatz von mehr als einer Dreiviertelmillion Euro pro Monat hatte. Der Cottbuser, der seit 2010 deutscher Staatsbürger ist, hatte es geschafft. „Ich bin mit meinen Eltern aus persönlichen Gründen aus Moldawien weggegangen. Ich wollte bessere Chancen haben, mich mit meinen Ideen zu verwirklichen, ohne dem deutschen Sozialstaat auf der Tasche zu liegen“, sagt Melamud. „Ich wollte selbstständig sein, ein Unternehmen aufbauen und für meine Familie sorgen.“

Igor Melamud musste niemand erklären, was Integration in einem fremden Land bedeutet. Im Jahr 2001 in Peitz angekommen, habe er sich intern um einen Deutschkurs gekümmert. Geld verdiente sich der damals 20-Jährige als Lagerist bei einem großen Discounter. „Ich sprach damals Russisch und Rumänisch. Aber hier brauchte ich Deutsch, um mich integrieren zu können“, erzählt er, dass seine Ausbildung in Moldawien nur bis zur 9. Klasse anerkannt wurde. Melamud fand den Weg über eine Stiftung zum Cottbus-Kolleg, holte das Fachabitur nach und trug sich an der Fachhochschule in Wildau zum Studium der Betriebswirtschaftslehre ein. „Eine coole Zeit“, verweist Igor Melamud auf seinen Abschluss in der Spezialrichtung Internationales Marketing mit dem Notenschnitt von 1,4.

Doch mit dem Diplom in der Hand und versiert in mehreren Sprachen – inzwischen waren auch Englisch und Polnisch hinzugekommen – wollte ihn im Jahr 2009 niemand haben. Längst in Cottbus zu Hause habe er zig Bewerbungen geschrieben. „Die Absagen habe ich zwar nicht verstanden. Vielleicht aber ist dadurch alles viel schneller gegangen mit der Selbstständigkeit“, erinnert sich der stämmige Schwarzschopf, dass er nicht einmal ein Jahr nach dem Studium im Cottbuser TKC-Gelände eine Halle mieten und seinen Online-Handel ausbauen konnte. „Ohne Kredite und ohne Hilfe vom Staat“, wie Melamud betont, habe er Restposten aufgekauft und begonnen, im Netz Gartenartikel, Heimwerker- und Haustierbedarf, Fahrzeugersatzteile, Werkzeuge, Kinder-, Faschings-, Sport- und Freizeitutensilien anzubieten. Der 4U-onlinehandel – den Namen ließ er sich patentieren – kam gut an. Von zunächst drei Mitarbeitern erweiterte er das Unternehmen nach und nach auf 22 Angestellte im Jahr 2016. Der Chef: „Wir hatten 100 000 Klicks allein im Web-Shop pro Monat. Das Geschäft lief gut.“

Die Integration in die neue Gesellschaft ist für den Onlinehändler bis dahin ohne Sorgen verlaufen. Zwar habe er von Anfang immer wieder Fremdenfeindlichkeit gespürt. Aber konkret wurde sie, als im Online-Geschäft E-Mails eingingen, „in denen ich schon aufgrund meines Namens als Betrüger bezeichnet und beschimpft wurde. Und da war auch zu lesen, dass da ein kleiner Ausländer auf Kosten der anderen reich werden will.“ Darüber ärgert sich Igor Melamud. Denn er habe hier Steuern gezahlt und Arbeitsplätze geschaffen. In seinem Cottbuser Wohnumfeld dagegen, wo die Leute ihn und seine Familie kennen und wo er deutsche Freunde hat, sei das ganz anders. Am meisten aber tue es ihm weh, „wenn mich Leute in die Falle laufen lassen“.

Und das hat Melamud nach seinen Schilderungen erlebt, nachdem sein Unternehmen im Jahr 2015 raus musste aus dem Cottbuser TKC-Gelände. Der Brandschutz sei nicht mehr gewährleistet gewesen. Mit dem damaligen Vermieter steht der 38-Jährige bis heute im Rechtsstreit, denn seine investierten 40 000 Euro blieben ohne Ausgleich. Mit dem Umzug ins Gewerbegebiet Krieschow begann er, Kosten um 30 Prozent zu optimieren. Doch der Kredit der Hausbank sei damals viel zu gering gewesen. Als die Umsätze im Mai und Juni 2018 um gut 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgingen, wurde die Luft für die Firma immer dünner. „Ich habe mir Rat bei meinem Steuerberater geholt, der mir eine Planinsolvenz vorschlug“, schildert Igor Melamud den Anfang vom Ende seines Onlinehandels.

Das Amtsgericht habe sehr schnell einen eigenen Insolvenzverwalter bestellt, der nach Melamuds Auffassung „nie versucht hat, das Unternehmen zu erhalten“. Dabei sei das Vermögen seiner Firma höher gewesen als die Verbindlichkeiten. „Und die Marke 4U-onlinehandel hat ebenfalls einen guten Wert am Markt.“ Er habe die schlimmste Zeit seines Lebens durchgemacht, blickt der Familienvater, der mit Ehefrau Anna und zwei Kindern (9 und 7 Jahre) in Cottbus-Branitz lebt, zurück. „Aber ich habe auch Fehler gemacht.“ So sei er erst von einem Anwalt aufmerksam gemacht worden, dass er als natürliche Person gar keinen Insolvenzantrag stellen musste. Drei Wochen später habe er den Antrag zurückgezogen. Doch der fünfstellige Betrag für den Insolvenzverwalter und die Gebühren fürs Amtsgericht wurden fällig. „In dieser schwierigen Situation hat mir niemand die Hand zur Hilfe ausgestreckt“, sagt ein enttäuschter Igor Melamud, der im TKC-Rechtsstreit um weitere 100 000 Euro Schadenersatz kämpft.

Inzwischen ist die Halle in Krieschow, deren Regale bis unters Dach voller Waren sind, verkauft. Mit vielen Lieferanten hat sich Melamud über die Rückzahlung der Außenstände geeinigt. Seit Mitte September ist er dabei, online den Abverkauf seines Warenbestandes zu realisieren. „Um bis zum Jahresende den Großteil des Schuldenberges auszugleichen“, schildert Melamud, dass die Probleme endlich abnehmen würden.

In dieser Situation ist er auf ein neues Geschäftsmodell aufmerksam geworden. Für Kunden in Cottbus und Umgebung will er logistische Lösungen anbieten, damit sie schneller zu ihren bestellten Waren kommen oder sie versenden können. „Ich möchte Transport, Lagerung, Verpackung und Versand anbieten.“ Sieben potenzielle Kunden konnte er dafür schon gewinnen. Mehr will er zu der neuen Geschäftsidee noch nicht sagen.