Von Daniel Steiger

Traute Lafrenz kam am 6. November 1944 um 16.30 Uhr in Cottbus an. So ist es in ihrem Gefangenenbuch des Frauenzuchthauses vermerkt. Sie war wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Traute Lafrenz, damals 25 Jahre alt und Medizinstudentin in München war Mitglied der Weißen Rose. Die Widerstandsbewegung um die Geschwister Sophie und Hans Scholl verfasste, druckte und verbreitete Flugblätter, in denen sie Verbrechen des Nazi-Regimes anprangerten und zum Protest aufriefen.

Erinnerungen ans Zuchthaus Cottbus

Nachdem am 18. Februar 1943 Hans und Sophie Scholl in der Münchener Universität beim Auslegen des sechsten Flugblattes verhaftet worden waren, geriet auch Traute Lafrenz im März 1943 in die Fänge der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Am 19. April 1943 verurteilte man sie wegen „Mitwisserschaft“ zu einem Jahr Gefängnis. Kurz nach der Entlassung im März 1944 kam sie erneut in Haft und man überführte sie ins Polizeigefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel. Ihr Schulkamerad Heinz Kucharski hatte dort der Gestapo allein zu Traute Lafrenz 60 Seiten Text zu Protokoll gegeben und sie darin schwer belastet.

Gemeinsam mit anderen Frauen der Weißen Rose kam sie dann ins Frauenzuchthaus nach Cottbus. In einem Brief an die RUNDSCHAU erinnert sie sich an diese Zeit: „Im Vergleich zu Hamburg war Cottbus eine große Erleichterung.“ Im norddeutschen Gefängnis seien die Frauen den Schikanen der SS ausgeliefert gewesen. Cottbus hingegen sei in ihrer Zeit ein „geordnetes Gefängnis gewesen“, schreibt die Jubilarin. „Wir mussten Arbeit leisten, bekamen Essen und einen Platz zum Schlafen. Es gab sogar eine Bibliothek. Ich erinnere mich, dort Adalbert Stifters Witiko gelesen zu haben.“

In einem anderen Brief an den ehemaligen Cottbuser Häftling Siegmar Faust beschreibt Traute Lafrenz eine Kapelle auf dem Knastgelände: „An die erinnere ich mich nur, weil wir Ende 1944 oder Anfang 1945 dort Strohlager einrichten mussten für einen Transport aus Auschwitz. Sehen oder sprechen konnten wir natürlich mit diesen Gefangenen nicht und dann wurde Cottbus ja auch bald geräumt.“

Emigration und der Spiegel-Medienskandal

Aufgrund der näher rückenden Front wurde Traute Lafrenz im Februar 1945 in das Frauengefängnis Leipzig und kurz darauf weiter nach Bayreuth ins Gerichtsgefängnis überstellt, wo im April 1945 der Volksgerichtshof tagen sollte. Zu einem neuen Prozess kam es jedoch nicht mehr. Am 14. April 1945 konnte Traute Lafrenz zusammen mit anderen Mitgefangenen von amerikanischen Truppen befreit werden.

1947 emigrierte Lafrenz in die Vereinigten Staaten. An der University of California, Berkeley und am Joseph’s Hospital in San Francisco schloss sie ihr Medizinstudium ab. Am 2. März 1949 heiratete sie den Arzt Vernon Page, mit dem sie vier Kinder hat. Von 1972 bis 1994 war sie Leiterin der heilpädagogischen Esperanza School für geistig behinderte Kinder in Chicago.

Nach ihrer Pensionierung zogen sie und ihr Mann nach South Carolina. Vernon Page starb 1995, seither lebt Traute Lafrenz-Page in ihrem ehemaligen Sommerhaus auf Yonges Island im US-Bundesstaat South Carolina. Inzwischen ist sie siebenfache Oma und mehrfache Uroma.

Unfreiwillig geriet Traute Lafrenz im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen eines Medienskandals. Der Spiegel-Reporter Claas Relotius hatte sie in den USA besucht und ein großes Interview in dem Nachrichtenmagazin veröffentlicht. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Journalist in diesem Text mehrere Passagen erfunden hat.

Engagement für Cottbus

An den Entwicklungen im ehemaligen Cottbuser Gefängnis hat die 100-Jährige immer noch ein reges Interesse. Das Engagement des Menschenrechtszentrums in Kurdistan unterstützte die Jubilarin vor Kurzem mit einer großzügigen Geldspende. Hier helfen die Cottbuser in Telskuf einer christlichen Gemeinde beim Wiederaufbau ihrer Kirche. In der Cottbuser Gedenkstätte ist Traute Lafrenz und anderen Mitgliedern der Weißen Rose ein Teil der Sonderausstellung gewidmet.

Mit Sylvia Wähling, der Geschäftsführenden Vorsitzenden des Menschenrechtszentrums, steht sie in einem regelmäßigen Briefkontakt. Der Idee, einem auf dem Gelände geplanten Bildungs- und Begegnungszentrum ihren Namen zu geben, steht sie aufgeschlossen gegenüber. „Sie fühle sich geehrt“, schrieb Traute Lafrenz im vergangenen Jahr in einer Einverständniserklärung. Das Konzept sieht vor, auf dem Gelände des ehemaligen Gefängnisses in Cottbus ein Bildungs- und Begegnungszentrum mit mehreren Themenschwerpunkten zu schaffen. So könnte hier neben dem Archiv für die Brandenburger Stasiakten auch ein Archiv des Widerstands in beiden deutschen Diktaturen entstehen. Außerdem sieht das Konzept ein Tagungszentrum und ein Bildungs- und Begegnungszentrum für Flüchtlinge vor.

Am Freitag soll in einer Runde mit geladenen Gästen der 100. Geburtstag im Cottbuser Menschenrechtszentrum begangen werden. Während die Jubilarin im amerikanischen South Carolina zu ihrem Ehrentag mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wird, eröffnet im Cottbuser Gefängnis eine Sonderausstellung der Weiße Rose Stiftung zu Traute Lafrenz.