Seit Ende Januar ist Hermann Winkler der komissarischer Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) und zudem Vize-Präsident beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Im Rundschau-Interview nimmt der 57-Jährige Stellung zu den vielen Streitpunkten in der Regionalliga Nordost, die auch den FC Energie Cottbus betreffen.

Hermann Winkler, Hand aufs Herz: Wann darf in der Regionalliga Nordost wieder Fußball gespielt werden?

Hermann Winkler: Wir wollen natürlich so schnell wie möglich wieder spielen. Vorsichtig peile ich mal einen Termin Ende März oder Anfang April an. Aber wir befinden uns dort zu einhundert Prozent in den Händen der Politik.

Bisher spielte der Sport in den Gesprächen um die neuen Corona-Verordnungen verständlicherweise keine allzu große Rolle.

Was heißt hier verständlicherweise? Ich sehe das anders: Sport ist wichtig und kann in der Krise eine Stütze sein. Die Politiker können auf ihre Sonntagsreden jetzt mal Taten folgen lassen und zeigen, wie wichtig ihnen der Sport tatsächlich ist. Bisher bin ich da sehr enttäuscht.

Im Fall der Regionalliga hängt es vor allem an der Berliner Senatsverwaltung.

Ja. Letztlich sind für die Regionalliga die Bundesländer entscheidend. Ich hoffe immer noch auf ein Entgegenkommen des Berliner Senats, weil in den anderen ostdeutschen Ländern Trainings- und Spielbetrieb ja wieder möglich ist. Nur in Berlin wird das komplett anders bewertet. Wir haben deshalb noch einmal ein Schreiben an Berlin Sport-Staatssekretär Alexander Dzembritzki geschickt. Darin haben wir noch einmal dargestellt, warum die Regionalliga Nordost in unseren Augen als Profi-Sport zu betrachten ist.

Winkler über Energie Cottbus

Warum denn?

Wir haben berechnet, dass 85 bis 86 Prozent der Spieler dem Profi-Bereich zuzuordnen sind. Die verdienen mit dem Fußball ihr Geld. Und überhaupt: Für die meisten Vereine ist Regionalliga-Fußball ein hartes Geschäft.

Bei Energie Cottbus werden gerade Stellen gestrichen, der einstige Erstligist ist wirtschaftlich stark angeschlagen und kann die Strukturen nicht mehr aufrechterhalten. Machen Sie sich Sorgen um solche abgestürzten Traditionsclubs?

Wir brauchen starke Vereine im Fußball-Osten – und wir brauchen dafür dringend Hilfe. Deshalb sind wir auch froh, dass die Innenminister der Länder den Haushaltsausschuss des Bundes beauftragt haben, sich noch einmal mit möglichen Corona-Hilfen für die Fußball-Regionalligisten zu beschäftigen.

Das hieße, Vereine wie der FC Energie oder Lok Leipzig würden dann am 200-Millionen-Euro-Paket des Bundes für den Profi-Sport beteiligt werden?

Ja, darauf hoffen wir. Noch einmal: Viertliga-Fußball ist kein Hobbysport. Da steckt in den Regionen ja echte Wirtschaftskraft dahinter. Wenn wir das Beispiel Energie Cottbus nehmen: Da geht es um Einnahmen und Arbeitsplätze. Zumal von diesem Geld im Bundesprogramm für das Jahr 2021 erst 65 Millionen Euro abgeflossen sind.

Es ist scheinbar das Schicksal der Fußball-Regionalliga, zwischen Amateur-Sport und Profitum gefangen zu sein. Können Sie als neuer NOFV-Präsident diese Spielklasse endlich erlösen?

Das wäre auf alle Fälle wünschenswert – wir hätten dann einige Probleme weniger: Aktuell merken wir das am Spielbetrieb und dem Kurzarbeitergeld, aber auch die Spielplangestaltung ist und bleibt ja schwierig in dieser Liga.

Was wollen Sie tun?

Ich würde mir wünschen, dass wir es schaffen, eine starke Regionalliga zu etablieren. Eine Spielklasse, in der alle im Profi-Bereich arbeiten und somit gleiche Bedingungen für alle Mannschaften gelten.

Winkler über den TV-Vertrag für die Regionalliga

Für eine starke Regionalliga brauchen Sie auch eine starke Vermarktung. Zuletzt war zu hören, dass der TV-Vertrag mit dem MDR nicht verlängert wird.

Stimmt, unser Partner MDR schwächelt ein bisschen. Aber ich kann ihnen schon mal verraten, dass wir als Verband an einer Variante arbeiten, die uns perspektivisch nach vorn bringt. Dabei geht es um Planbarkeit, Betreuung und Vermarktungsbreite.

Cottbus

Übersetzt könnte das ein ähnliches Modell wie bei den Eishockey-Zweitligisten werden. Die Lausitzer Füchse und die anderen Clubs in der DEL2 vermarkten ihre Live-Spiele beim Streaming-Anbieter SpradeTV und erzielen damit Einnahmen. Planen Sie so etwas?

Es geht in diese Richtung, mehr möchte ich aber nicht verraten. Nur so viel: Wir verhandeln mit einem privaten Partner – aber MDR und RBB wollen wir weiter mit im Boot haben. Dabei geht es auch um das regionale Gefühl im Fußballosten. Wir steuern da auf eine charmante Lösung zu.

Die Regionalliga hat ja einigen Charme – nicht zuletzt wegen der Traditionsvereine wie Energie, Lok oder auch Carl Zeiss Jena, Chemnitzer FC oder BFC Dynamo. Und dennoch können es viele Vereine und ihre Fans schlichtweg nicht akzeptieren, nun in dieser Viertklassigkeit spielen zu müssen.

Das ist ein wichtiger Punkt. Den Vereinen muss klar sein, dass sie durchaus mehrere Jahre in dieser Liga leben müssen – und auch gut können. Die Quoten bei „Sport im Osten“ im MDR sind ja sensationell bei den Live-Spielen. Ich sehe die Regionalliga Nordost als kleine Champions League des Ostens. Wir haben da durchaus Potenzial, qualitativ zuzulegen.

Da wollen Sie anpacken?

Ja. Mein Ziel ist es, eine Premium-Liga zu entwickeln, in der es nicht mehr so viele ungleiche Partner gibt.

Aktuell geht es aber darum, überhaupt wieder Spiele auszutragen. Wann rechnen Sie damit, wieder Zuschauer in die Stadien lassen zu dürfen?

Ich bin Realist – wir werden das sicher nicht von Beginn dürfen. Die Zuschauerfrage wird der nächste Akt der Anstrengung. Vielleicht gelingt es uns mit dem Verweis auf die Hygienekonzepte, schnell wenigstens ein paar hundert Zuschauer reinzulassen. Fakt ist: Für einige Vereine sind diese Einnahmen überlebenswichtig – allerdings gibt es auch da Unterschiede. Bei den Berliner Vereinen spielt das eine eher untergeordnete Rolle.

Winkler über einen möglichen Saisonabbruch

Die Regionalliga wirkt ohnehin ziemlich zerrissen. Viel ist strittig, die Kostenfrage schwebt über allem. Wäre es da nicht besser gewesen, die Saison komplett abzubrechen?

Stellen Sie sich mal vor, der Verband hätte im Februar die Saison abgebrochen. Und dann wären die Infektionszahlen doch stärker gesunken. In einem Jahr, in dem der Nordosten einen direkten Aufsteiger in die 3. Liga stellen darf, wäre das denkbar ungünstig gewesen. Außerdem: Wir sind ein Fußball-Verband, verantwortlich für Fußball-Vereine und wollen Fußball spielen. Deshalb wollen wir – wenn möglich – eine sportliche Lösung.

Ein Saisonabbruch ist aber weiter denkbar?

Ja, wir müssen wirklich mit allem rechnen. Von daher bleibt der Saisonabbruch eine Option.

Sie wurden im Januar als Interims-Nachfolger des verstorbenen Erwin Bugar gewählt und übernehmen den NOFV in einer Krisensituation. Erlebt der Verband gerade in der Regionalliga mit ihren vielen Streitpunkten eine Zerreißprobe?

Ich würde das anders betrachten: Klar, es ist intensiv und angespannt. Aber: Wir hatten noch nie so viel Kontakt untereinander. Innerhalb des Präsidiums, mit den Vereinen, mit der Politik. Das sollten wir nach der Pandemie unbedingt beibehalten.

Vorher müssen Sie noch die Abstiegsfrage in der aktuellen Saison lösen. Einige Vereine verwehren sich dagegen und prüfen rechtliche Schritte.

Nach unseren Regularien müssten vier Mannschaften absteigen, alle Vereine haben da vor Saisonbeginn zugestimmt. Ich weiß, dass es für einige sehr bitter ist, wenn wir nur eine einfache Runde spielen. Deshalb einigen wir uns vielleicht auf einen Kompromiss. Aber ich mache wenig Hoffnung darauf, dass wir ohne Absteiger auskommen werden. Ansonsten wird mir mulmig mit Blick auf die nächste Saison.

Das wären dann mindestens 22 Teams – falls Magdeburg und auch noch Halle absteigen sollten, sogar 24 Mannschaften. Denken Sie schon über eine zweigeteilte Regionalliga wie im Norden nach?

Wir diskutieren es noch nicht, und ich wünsche mir, dass wir es auch nicht diskutieren werden. Wir brauchen eine starke eingleisige Regionalliga. Über die Chancen bei der Vermarktung haben wir ja schon gesprochen.

Winkler über die Aufstiegsregelung zur 3. Liga

Eine starke Regionalliga braucht aber auch einen direkten Aufstiegsplatz. Sie sind jetzt ja auch DFB-Vizepräsident. Können Sie dieses Problem mit der unsäglichen Aufstiegsregelung lösen?

Das ist eins meiner Ziele, aber ich habe keine Patentlösung. Aktuell haben wir diesen unbefriedigenden Kompromiss mit der Ungleichbehandlung, dass der Westen und Südwesten direkt aufsteigen dürfen und die anderen drei Ligen rotieren müssen. Ich plädiere für fünf direkte Aufsteiger und gleichzeitig fünf Absteiger in der 3. Liga. Das würde dann zwar 22 Mannschaften in der 3. Liga bedeuten – aber dort könnte man die Aufstockung noch am ehesten verkraften.

Was halten Sie von einer bundesweiten vierten Profi-Liga? Die könnte ein Auffangbecken für solche Clubs wie Energie Cottbus und künftig vielleicht auch den 1. FC Magdeburg oder den 1. FC Kaiserslautern sein.

Das stimmt schon, aber das würde unsere Regionalliga Nordost schwächen – also unser Premiumprodukt. Da sage ich als Verbandspräsident: Das geht so nicht. Aber im Sinne des Fußballs sage ich auch: Man kann darüber diskutieren, letztlich muss alles auf den Tisch.
Der NOFV-Präsident Hermann Winkler hofft darauf, dass Vereine wie Energie Cottbus oder Lok Leipzig doch noch Corona-Hilfen vom Bund beantragen dürfen. Von der Politik ist er nach eigenen Angaben bisher enttäuscht.
Der NOFV-Präsident Hermann Winkler hofft darauf, dass Vereine wie Energie Cottbus oder Lok Leipzig doch noch Corona-Hilfen vom Bund beantragen dürfen. Von der Politik ist er nach eigenen Angaben bisher enttäuscht.
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