Von Jan Lehmann, Frank Noack
und Steven Wiesner

So viele Menschen haben wohl noch nie eine Spielplan-Vorschau für die Regionalliga Nordost gesehen: 20 602 Menschen im ausverkauften Stadion der Freundschaft und mehr als sechs Millionen ARD-Zuschauer waren am Montagabend live dabei, als Energie-Fans während des DFB-Pokalspiels gegen Bayern München auf der Nordwand ihre Transparente hochhielten: „Ach übrigens“ war darauf zu lesen, und dazu die Termine für die kommenden FCE-Heimspiele: Auerbach (23.8.), Meuselwitz (15.9.) und BFC Dynamo (28.9.) sind demnächst Cottbuser Viertliga-Gäste.

Energie Cottbus lebt noch

Es war der dezente Hinweis an alle, die am Montagabend erstmals seit langer Zeit oder vielleicht gar zum ersten Mal ein Spiel des FCE besucht haben: Energie Cottbus lebt noch – auch wenn der einstige Erstligist nur noch höchstselten auf der großen Fußballbühne zu sehen ist.

Der Abend am Montag war so ein Auftritt im größten Rampenlicht – und trotz der 1:3-Niederlage nach den Bayern-Toren durch Robert Lewandowski (32.), Kingsley Coman (65.) und Leon Goretzka (85.) war es ein Abend für die Lausitzer Fußball-Seele. Das wurde besonders nach dem Ehrentreffer durch Berkan Taz per Foulelfmeter in der Nachspielzeit deutlich. Das Stadion der Freundschaft explodierte in einem derart lauten Freudenschrei, dass bei  „Spiegel online“ gemutmaßt wurde, dass der Lärm bis hinter die deutsch-polnische Grenze zu hören gewesen sein musste.

Cottbus von einer anderen Seite gesehen

Es ist indes sogar anzunehmen, dass diese Atmosphäre, die Energie-Stürmer Felix Brügmann als „atemberaubend“ und FCE-Eigengewächs Niklas Geisler als „absoluter Wahnsinn“ beschrieben, ein lautstarkes Signal noch viel weiter in die Fußball-Republik hinein gesendet haben muss. Nachdem Cottbus und der FC Energie zuletzt deutschlandweit immer nur dann ein populäres Thema waren, wenn sich entweder Trainer Claus-Dieter Wollitz meinungsstark mit dem DFB angelegt oder rechtsextreme Netzwerke den Fußball in der Lausitz gekapert hatten, transportierten die TV-Kameras und die in Sonderzugstärke angereisten Hauptstadt-Journalisten ein anderes Bild: Zu sehen war eine Region, die ihre extrem junge und aufopferungsvoll kämpfende Mannschaft von der ersten Minute an frenetisch, aber friedlich unterstützte und die erste halbe Stunde ohne Gegentor gegen die Bayern-Weltstars wie einen Meisterschaftssieg feiern durfte.

Die Wollitz-Elf, die nach der Auswechslung von Routinier Dimitar Rangelov mit einem Durchschnittsalter von 19,4 Jahren fast noch ein Fall fürs Jugendamt war, kratzte auch später noch ein bisschen an der Sensation: Was wäre gewesen, wenn Felix Brügmann bei seinem Drehschuss (40.) nicht „300er Puls“ gehabt hätte, wie er selbst berichtete? Oder wenn die Hand von Bayern-Verteidiger Niklas Süle im Gesicht von FCE-Angreifer Abdulkadir Beyazit (77.) doch einen Elfmeterpfiff wert gewesen wäre?

Kraft aus dem Spiel gegen Bayern München ziehen

Egal: Trotz der Niederlage war der FCE ein Gewinner. Nun geht es darum, dass der zuletzt arg gebeutelte Verein daraus Kraft zieht. Verteidiger Jan Koch sagte: „Man hat gesehen, dass wir die Leute mit ins Boot holen konnten. Ich hoffe, dass sie jetzt gemerkt haben, dass wir eine gute Truppe sind und dass es Schwung für alle in der Gegend gibt.“

Darauf setzt auch Trainer Wollitz, der betont: „Es ist wichtig, dass der Verein es schafft, die jungen Spieler in Ruhe zu begleiten. Dann kann daraus viel entstehen.“ Der Trainer weist weiter darauf hin, dass Energie noch Verstärkung benötigt. „Wir brauchen Spieler, die uns mehr Ausgewogenheit bringen“, so Wollitz, dem mit seinem Team am Samstag bei Lok Leipzig (16 Uhr) eine schwere Regionalliga-Aufgabe bevorsteht. Die kommenden Wochen werden zeigen, wie viel Schwung das Bayern-Spiel tatsächlich gebracht hat. Besonders wichtig sind dabei die Heimspiele. Ach, übrigens: Trotz der millionenschweren Ankündigung im TV ist die nächste Partie im Stadion der Freundschaft gegen den VfB Auerbach noch nicht ausverkauft.

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