Es geht wieder los – in den Amateurligen rollt der Fußball. Die Lust auf das runde Leder ist riesig, nach zwei corona-verkürzten Spielzeiten hoffen die Vereine darauf, dass diese Saison komplett durchgespielt werden kann. Doch die Pandemie und ihre Nachwirkungen beschäftigen die Fußballer – es geht dabei auch um gesundheitliche Belange.
Der dramatische Zwischenfall bei der Fußball-Europameisterschaft mit dem Kollaps des Dänen Christian Eriksen hat vielen ins Bewusstsein gerufen, wie wichtig die medizinische Absicherung beim Hobbysport sein sollte. Während die Vereine nun vielerorts zumindest darüber nachdenken, einen Defibrillator anzuschaffen, bekommt ein anderes wichtiges Thema aktuell deutlich weniger Aufmerksamkeit: die Hüftverletzung.
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Cottbus

Fußball ist gefährlich für die Hüfte

Dabei sei die sogar schwerwiegender und langfristig schädlicher als der von den Fußballern so gefürchtete Kreuzbandriss. Das jedenfalls sagt Dr. Alexander Moser, Leitender Arzt der Hüftchirurgie und Sportorthopädie im Vivantes Klinikum in Berlin-Friedrichshain. Der Hüftspezialist nennt jene Sportarten, bei denen es sehr häufig zu Hüftschädigungen kommt: Karate, Kickboxen, Yoga und eben der Fußball. „Das sind alles Sportarten, in denen immer wieder die gleichen Bewegungen mit hoher Intensität ausgeführt und der Bewegungsradius der Hüfte überreizt werden“, erklärt der Chirurg und rechnet vor: „Für Fußballer und Fußballerinnen ist das Risiko zu einem vorzeitigen Hüftverschleiß verdoppelt, bei Profis sogar versechsfacht.“
In seiner Praxis hat er die prominenten Fälle auf dem Tisch, Nationalspieler, Bundesliga-Akteure – und jene Fußballer, die auf dem Sprung in die Profi-Branche sind. Dr. Moser berichtet beispielsweise: „Wir haben gelegentlich ganz junge Sportler mit bereits chronischen Hüftproblemen. Beispielsweise stellte sich vor Kurzem ein Nachwuchsspieler von Energie Cottbus bei uns vor, der wegen starker Hüftschmerzen über Monte trotz intensiver konservativer Behandlung nicht mehr spielfähig wurde und der schließlich mit 15 Jahren an beiden Hüften operiert werden musste.“
Hüftverletzungen kommen bei Fußballern viel häufiger vor als gedacht. Entscheidend ist, dass die Schmerzen frühzeitig ernstgenommen werden, um Folgeschäden zu vermeiden.
Hüftverletzungen kommen bei Fußballern viel häufiger vor als gedacht. Entscheidend ist, dass die Schmerzen frühzeitig ernstgenommen werden, um Folgeschäden zu vermeiden.
© Foto: MDGRPHCS/shutterstock.com

Fünf Tipps von Experte Dr. Alexander Moser

Dr. Moser ist kein Arzt, der sofort eine Operation empfiehlt. Er sagt: „Das sollte immer das letzte Mittel sein, wir prüfen immer die Möglichkeiten der konservativen, nicht operativen Behandlung.“ Zum Start der Fußballsaison ist es ihm deshalb ein Anliegen, darauf hinzuweisen, wie man schwerwiegende Spätfolgen von Hüftverletzungen vermeiden kann. Dafür hat er für die Fußballer und Fußballerinnen der Region fünf entscheidende Tipps:
Dr. Alexander Moser ist Leitender Arzt der Hüftchirurgie und Sportorthopädie
am Zentrum für Muskuloskelettale Medizin im Klinikum in Berlin-Friedrichshain.
Dr. Alexander Moser ist Leitender Arzt der Hüftchirurgie und Sportorthopädie am Zentrum für Muskuloskelettale Medizin im Klinikum in Berlin-Friedrichshain.
© Foto: Foto: Alexander Moser

Tipp 1 – Auf die Schmerzen achten

„Der Leistenschmerz muss ernst genommen werden“, betont Dr. Moser und verdeutlicht: „Es handelt sich meist eben nicht nur um eine simple Leistenzerrung, oft kommt der Schmerz aus Hüftgelenk selbst. Man kann Spätfolgen minimieren, wenn man Verletzungen des Gelenkes bereits im Anfangsstadium erkennt und behandelt.“

Tipp 2 – Bei Kindern besonders aufpassen

Langfristige Schäden an der Hüfte müssen laut dem Experten nicht sein. Dr. Alexander Moser weist daraufhin: „Hüftprobleme werden häufig nicht ernst genug genommen und oft zu spät behandelt. Dabei entstehen viele Verletzungen im Alter von 10 bis 14 Jahren. Die Knochen sind in dieser Phase noch im Wachstum und sehr empfindlich. Durch zu intensives Training kann es zu Hüftverformungen kommen, dann sind die Gelenke vorgeschädigt.“
Deshalb sei es wichtig, sich bei Auffälligkeiten frühzeitig untersuchen zu lassen“, so der Hüftspezialist, der betont: „Ziel bei einem Sportler sollte es sein, Erkrankungen der Hüfte bereits im Anfangsstadium zu erkennen, bevor es zu einer ausgeprägten und häufig nur aufwendig zu behandelnden Schädigung des Gelenkes kommt.“

Tipp 3 – Die Grenzen des Körpers akzeptieren

„Nicht jeder Körper ist dafür gemacht, einen Spagat zu können“, betont Dr. Moser und erklärt: „Die Schulter beispielsweise ist ein muskel- und bandgeführtes Gelenk, das hauptsächlich durch Bänder Muskeln gehalten wird. Dort kann man gut durch Musekltraining das Gelenk kräftigen und trainieren durch intensive Dehnung auch eine bessere Beweglichkeit erreichen.“
Bei der Hüfte indes sei es anders: „Das Gelenk ist knöchern geführt, und den Knochen kann man auch durch Training nicht verändern“, so Dr. Moser, der rät: „Es bringt nichts, sich auf Teufel komm raus zu dehnen. Der Körper hat dort schlichtweg eine natürliche Grenze in der Beweglichkeit. Im Erwachsenenalter ist eine Verbesserung der Hüftgelenksbeweglichkeit nur sehr eingeschränkt möglich.“

Tipp 4 – Von Experten untersuchen lassen

„Die Leistenregion ist sehr komplex – dort treffen viele Organsysteme aufeinander. Die Wirbelsäule, die Bauchorgane, der Schambeinregion, viele Muskeln und das Hüftgelenk“, verdeutlicht der Berliner Arzt und rät: „Weil die Diagnostik sehr komplex ist, sollte man die Verletzung unbedingt einem Experten vorstellen.“ Dabei sei die ganzheitliche Betrachtung wichtig: „Manchmal reicht es auch aus, das Training umzustellen und die Bewegungsabläufe zu ändern“, so Dr. Moser.

Tipp 5 – Notfalls auch eine Operation angehen

Bei ausgeprägten Befunden, insbesondere bei deutlichen Verformungen der Hüftknochen („Hüftimpingement“) ist in manchen Fällen eine minimalinvasive Operation notwendig. So werden Eingriffe genannt, bei denen mit kleinsten Schnitten die Verletzung des Körpers so gering wie möglich gehalten werden soll.
Dr. Moser sagt: „Die Hüftoperation hat in der Fußballbranche zu Unrecht einen eher schlechten Ruf – weil sie den Marktwert der Fußballprofis senkt.“ Es wird daher häufig nicht öffentlich gemacht, dass ein Spieler an der Hüfte operiert wurde. Die Ergebnisse nach einer minimalinvasiven Hüftoperation („Hüftarthroskopie“) sind in den meisten Fällen jedoch sehr gut. Werden die Operationen frühzeitig, bevor das Gelenk nachhaltig geschädigt ist, durchgeführt so finden die Fußballer und Fußballerinnen häufig schnell zurück ins Training und meist auf altem Niveau auch zurück ins Spiel.