Der ehemalige Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld gilt als Erfinder des modernen Rotationsprinzips. Er ließ die vielen Stars beim Rekordmeister durch ständige Auswechslungen zwischen Startelf, Ersatzbank und Tribüne rotieren. Einerseits, um Kräfte zu schonen und andererseits, um alle bei Laune zu halten. Mit großem Erfolg: Hitzfeld wurde mit den Münchnern fünfmal Deutscher Meister und gewann die Champions League.

Energie Cottbus strebt zwar in absehbarer Zeit nicht unbedingt das Finale der Königsklasse an. Dennoch hat auch Trainer Rudi Bommer sein eigenes Rotationsprinzip entwickelt, mit dem er dem FCE wieder zu mehr Erfolg verhelfen möchte. Der Unterschied zwischen Bommer und Bayern: Der neue Energie-Trainer verzichtet vorerst auf Auswechslungen und lässt stattdessen seine Mannschaft auf dem Spielfeld rotieren.

So zogen am Freitagabend beim 1:1 gegen Alemannia Aachen die vier Mittelfeldspieler Daniel Adlung, Rok Kronaveter, Dennis Sörensen und Leonardo Bittencourt interessante Kreise über das Spielfeld. Bommer hatte sie angewiesen, ständig die Positionen in der mittleren Viererkette zu wechseln. Zwar spielten sie damit die defensiv eingestellten Aachener nicht unbedingt schwindlig. Aber zumindest beschäftigten sie die auf Konter lauernden Gäste so ausdauernd, dass die insgesamt nur zu wenigen Tempogegenstößen kamen.

Doppelsturm statt Doppel-Sechs

Trainer Bommer war fürs Erste zufrieden. Seinen Schachzug, Marc Andre Kruska allein auf der Sechserposition aufzustellen, sah er ebenfalls als gelungen an. Mit dieser offensiveren Mittelfeld variante will Bommer jetzt vorzugsweise in den Heimspielen antreten. Er schaut voraus: "Mein Ziel ist es, irgendwann mit zwei echten Stürmern spielen zu lassen. Doch so weit ist die Mannschaft noch nicht."

Von der Doppel-Sechs hin zum Doppelsturm ist es nämlich ein weiter Weg. Energie hat es in der Hinrunde erlebt, was es bedeutet, wenn die Mannschaft aus dem Gleichgewicht gerät und jederzeit anfällig für Gegentreffer ist. Deshalb lässt der Trainer sein Team vorsichtig nach vorn rotieren, mit dem Ziel, Dimitar Rangelov als Sturmspitze noch mehr Unterstützung zu geben.

Das klappte gegen Aachen zwar noch zu selten, dennoch zog auch Leonardo Bittencourt ein positives Fazit: "Das mit den Positionswechseln hat ganz gut funktioniert, weil sich die Aachener so nicht auf uns einstellen konnten. Dadurch hatten wir etwas mehr Freiräume."

Diese Freiräume nutzten die Cottbuser jedoch noch nicht zwingend genug. Bommer gefiel zwar nach eigener Aussage, dass seine Mannschaft die "richtige Richtung" auf dem Spielfeld hatte und auch die taktischen Positionen wie von ihm gewünscht besetzt hielt. Dennoch musste er auch zugeben, dass zu wenig echte Torchancen herausgespielt wurden. Bittencourt wünschte sich wie viele seiner Teamkollegen "einmal ein dreckiges Tor, vielleicht einen abgefälschten Schuss", um aus diesem Erfolgserlebnis Selbstvertrauen zu ziehen.

Doch der Trainer will sich nicht auf das Glück verlassen und benutzte eine eigene mentale Strategie. Ganz bewusst ließ er die Startelf 90 Minuten lang durchspielen. "Ich wollte mit einer Veränderung nichts kaputt machen und zugleich das Selbstvertrauen der Spieler stärken."

Kruska muss ersetzt werden

Den Ersatzspielern, die bei minus zwölf Grad Celsius auf der Bank hocken mussten, erklärte der Trainer vorab seinen Ansatz und berichtete erfreut: "Die Jungs haben das sehr gut aufgenommen, weil sie wissen, dass ihre Chance auch noch kommen wird."

Die erste gibt es bereits am Freitag, wenn der gelbgesperrte Kapitän Marc Andre Kruska ersetzt werden muss.

Ob Bommer die Rotation im Mittelfeld auch in Karlsruhe beibehält, bleibt indes abzuwarten. Der Trainer weiß, dass Energie in aktueller Lage nicht zu viel experimentieren kann - der Blick geht in den Tabellenkeller. Und der Erfolg des Rotationsprinzips wird deshalb auch immer am Ergebnis gemessen werden. Das ist bei Energie Cottbus genauso wie bei Bayern München.