Der Heimsieg von Energie Cottbus am Samstag gegen den VfR Aalen war ein Nervenspiel. 12 232 Zuschauer zitterten im Stadion der Freundschaft mit dem FCE – darunter fünf Volontäre der Lausitzer Rundschau. Sie haben die vorentscheidende Partie aus völlig verschiedenen Perspektiven erlebt und erzählen nun ihre Geschichten. Die sind mal anrührend, mal packend und leider auch mal hässlich.

Die Nordwand: Ein Mix der Extreme

Erstmal die Beruhigungszigarette vor dem Spiel: „Ich bin so verdammt aufgeregt“, erklärt Eric Leßke und dann geht’s schon los. Zittern, schreien, Haare raufen. „Spielt dreckig, geht ran da, haut den um“, heißt es links und rechts. Bei vergebenen Chancen wird sich in den Armen gelegen, beim Tor das Bier geschmissen. Und zwischendurch fragt einer seinen Nebenmann: „Wie geht’s dem Kind?“ Es ist der Mix der Extreme, der die Nordwand ausmacht. Auf der einen Seite die Ultras, die unermüdlich ihr Team nach vorn peitschen. Ein paar Meter daneben jene, die sich vom Gesang nur selten mitreißen lassen. Mittendrin einer, der immer wieder rassistische Parolen ruft und den Arm zum Hitlergruß hebt – und vom Nebenmann sofort ermahnt wird. Es ist nur ein Einzelner, aber Fußball hat eben auch hässliche Facetten. Auf der Nordwand kann man leider alle erleben.

Der Imbissstand: Ein Fan, der das Spiel nicht sieht

Für René Ullrich und seine Kollegen beginnt das letzte Heimspiel der Saison schon weit vor dem Anpfiff. Er arbeitet für Schlodder Gastronomie, die für das Catering im Stadion verantwortlich ist und ist schon seit 5.30 Uhr unterwegs. Auch wenn es ihr Arbeitsplatz ist, „für viele ist es so etwas wie das zweite Wohnzimmer“, so Katja Schlodder über ihre Mitarbeiter. René Ullrich kümmert sich unter anderem um die Versorgung an der Westtribüne. „Vom Spiel bekomme ich in der Regel nichts mit“, gesteht der Fan. Traurig ist er deshalb nicht. „Wenn die Fans glücklich sind, ist alles gut“. Auch während der Spielzeit haben die Caterer reichlich zu tun. Viel ist vorzubereiten, damit die Zuschauer in der Pause nicht lange warten müssen. Seine Prognose vor dem Spiel, dass sich der Klassenerhalt erst am letzten Spieltag klären wird, soll sich am Ende bewahrheiten.

Die Pressetribüne: Ganz normaler Wahnsinn

Vom Spielertunnel über die Trainerbänke zur Pressetribüne – wohl niemand erlebt ein Energie-Spiel aus so vielen Perspektiven wie Stadionsprecher Benjamin Hantschke. Länger an einem Ort ist der langjährige Cottbus-Fan im Stadion deshalb kaum zugegen. Auch während des Spiels hält es Hantschke auf der Pressetribüne kaum auf seinem Sitz. „Schießt doch!“, ruft der Stadionsprecher bei den zahlreichen, vergeblichen Angriffen von Energie über die Haupttribüne, als stünde er direkt am Spielfeldrand. Und immer wieder geht sein banger Blick auf den alten Röhrenfernseher  im Pressebereich, auf dem der Videotext unbarmherzig die Treffer der Konkurrenz meldet. Das entscheidende Tor schießt schließlich Energie, was den Stadionsprecher beim Schlussfazit sichtlich erleichtert: „Das ist der ganz normale Fußballwahnsinn in Cottbus“, so Hantschke.

Gästeblock: Unerwünscht bei Aalener Ultras

Auf den ersten Blick ist im Gästeblock nicht viel los. 40 Karten wurden im Vorfeld verkauft, gekommen sind Aalens Ultras, und „ultraorientierte“ Fangruppen. Man kennt sich, alle sind gemeinsam angereist. Wer nicht dazu gehört – also ich als RUNDSCHAU-Reporterin – fällt auf. Schnell wird klargemacht: „Wir sprechen nicht mit der Presse.“ Einer spricht dann aber doch, unter der Voraussetzung, dass er seinen Namen nicht in der Zeitung ließt „Für uns geht es um nichts, wir steigen eh ab. Wir sind hier um Spaß zu haben, um Freunde zu treffen“, sagt er. Und um den VfR zu unterstützen? Er winkt ab, sagt: „Aalen ist ein Scheißverein. Wir haben keine richtige Verbindung zu den Spielern, sie wechseln ständig.“ Als ich mit auf die Tribüne will, kippt die Stimmung. Mir wird unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass ich nicht erwünscht bin. Die Situation ist so unangenehm, dass ich gehe. Und mich später frage: War das richtig?

Haupttribüne: „Energie hält mich jung“

„Der hält aber auch jeden Scheiß!“ Die Gefühlslage auf der Haupttribüne ist gespannt. In Energies besseren Phasen wogt eine Art Euphorie über die Tribüne: wenn die Menschen Reihe für Reihe aufstehen, als Energie sich dem Tor nährt. Doch als viele Chancen vergeben werden, liegen (Vor-)Freude und Fassungslosigkeit nah beieinander.

Auch Lothar Harnath ist in der Halbzeit anzumerken, dass seine Zuversicht („Ich bin immer Optimist!“) nicht ganz unangefochten ist. Harnath sagt, dass er seit 1966, also von Anfang an, zu Energie geht. Was sich in dieser Zeit geändert hat? „Eigentlich nichts.“

Dank José Matuwilas Tor behält er an diesem Nachmittag mit seiner Zuversicht recht. Wie immer wird Harnath nun auch nach Braunschweig fahren. Trotz seiner fast 81 Jahre: „Ich bin doch noch jung. Energie hält mich jung.“