Herr Krämer, ich wollte mich zuerst ausdrücklich bedanken!
Das ist schön. Aber wofür?

Für dieses Interview. Wenn Fußballprofis gegen einen ihrer besten Kumpel oder den Ex-Verein spielen, verordnen sie sich ja meistens in der Woche vor der Partie eine strikte Kontaktsperre.
Ja, das stimmt.

Wie würden Sie unter diesem Gesichtspunkt Ihr aktuelles Verhältnis zu Energie beschreiben?
Ich hatte in Cottbus eine tolle Zeit und war gern dort. In der ersten Saison hatten wir ja nicht nur eine schöne, sondern unter dem Strich auch eine erfolgreiche Zeit. Ich habe ganz viele Leute kennengelernt, zu denen ich immer noch eine gute Beziehung pflege. Cottbus wird immer ein Teil von mir sein.

Hat dieses gute Verhältnis durch die Aussagen von Energie Präsident Wolfgang Neubert einen Kratzer bekommen? Er hatte Ihnen und Ex-Sport direktor Roland Benschneider Anfang April vorgeworfen, Sie hätten vor der Saison intern den Aufstieg versprochen.

Wolfgang Neubert hat mich noch am selben Tag angerufen und versichert, dass er das so nicht gesagt und schon gar nicht so gemeint hat. Außerdem: Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich großen Respekt vor diesem Sport habe. Im Fußball kannst du nichts versprechen oder garantieren. Selbst, wenn wir damals zehn Millionen gehabt hätten. Deshalb habe ich das für mich relativ schnell abgehakt.

Lassen Sie uns trotzdem noch mal auf den Sommer zurückblicken. Fakt ist: Energie wollte mit Ihnen weiter nach oben, jetzt schwebt der Verein in akuter Abstiegs gefahr. Was ist damals schief gelaufen? Was würden Sie im Rückblick anders machen?
Ich weiß gar nicht, ob ich so viel anders machen würde. Wir haben damals mit Torhüter Kevin Müller sowie Fanol Perdedaj und Tim Kleindienst sehr gute Leute verloren. Wir haben versucht, diese Verluste im Rahmen unserer Möglichkeiten aufzufangen. Wenn ich den heutigen Marktwert der Neuverpflichtungen sehe, waren wir auch ganz gut unterwegs. Ein Patrick Breitkreuz, ein Richard Sukuta-Pasu, Mounir Bouziane oder Fabio Kaufmann - das sind gestandene Drittliga-Spieler.

Aber trotzdem droht Energie der Abstieg!
Warum aus diesen konkurrenz fähigen Einzelspielern dann letztlich keine Mannschaft geworden ist, die erfolgreich zusammenspielt, kann ich nur aus der Zeit beurteilen, wo ich da war. Nach dem guten Start sind wir durch eine ganz, ganz unglückliche Heimniederlage gegen Chemnitz sowie die nächste Heimniederlage gegen Osnabrück in eine Negativspirale geraten. Jede Mannschaft in Deutschland - vielleicht mit Ausnahme von Bayern München - kann in eine solche Phase kommen, wo das Fahrwasser mal unruhiger ist. Aus meiner Sicht war die Entlassung nach sieben nicht gewonnenen Spielen zu früh.

Wie fällt Ihre Sicht aus?
Wie gesagt, die Trennung war zu früh und auch unnötig. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir das hinbekommen hätten. Klar ist aber auch: Jene Leute, die diese Entscheidung getroffen haben, wollten auch nur das Beste für den Verein. Das hat ja keiner aus irgendwelchen persönlichen Gründen gemacht.

Machen wir einen Strich unter die Vergangenheit. Nach dem En gagement in Cottbus sind Sie nun erneut im Fußball-Osten ge landet. Zufall?
Keine Ahnung. Ich war im Winter in der komfortablen Lage, dass ich aus mehreren Sachen auswählen konnte. Nachdem ich die Videos der Erfurter Mannschaft gesehen hatte, hatte ich das Gefühl, dass meine Art, über Fußball nachzudenken, ganz gut nach Erfurt passen könnte. Ich wusste aber auch, dass es eine heikle Kiste wird. Das hat mich ebenfalls gereizt.

Inzwischen haben Sie mit Rot-Weiß Erfurt den Klassenerhalt schon vorzeitig geschafft. Was waren die wichtigsten Gründe für den Aufwärtstrend?
Wir haben schnell einen Draht zueinander gefunden. Hinzu kam der Auftaktsieg gegen Dresden nach einer wirklich guten Winter-Vorbereitung. Das war sozusagen die Initialzündung. Denn wer gegen die beste Mannschaft der Liga gewinnt, der kann gegen jede andere Mannschaft auch gewinnen.

Ihr Vertrag läuft nur bis Saison ende. Bleiben Sie in Erfurt?
Das kann ich noch nicht sagen. Ich bin erneut in der für mich sehr angenehmen Situation, dass ich mehrere Möglichkeiten habe. Die Entscheidung fällt entweder Ende dieser Woche, spätestens aber Anfang nächster Woche.

Schauen wir noch auf das Spiel am Samstag. Wie gehen Sie persönlich damit um, dass von diesem Duell für Ihren Ex-Verein so viel abhängt?
Ich wünsche Cottbus wirklich nur das Beste. Aber das muss man ja von diesem einen Spiel trennen. Ich bin jetzt Trainer von Rot-Weiß Erfurt und wir haben ein Heimspiel. Wir wollen dieses Spiel unbedingt gewinnen. Außerdem kann ja Energie am Samstag noch nicht endgültig absteigen. Egal, wie es ausgeht.

In Cottbus hofft so mancher, dass in Erfurt schon etwas die Luft raus ist. Zumal Ihre Mannschaft auch noch ins Finale des Thüringer Landespokals einziehen will.
Zunächst einmal müssen wir ja das Halbfinale spielen! Natürlich haben wir auch noch das Ziel, Pokalsieger zu werden. Bei der Niederlage am vergangenen Wochenende in Rostock hat man jedoch gemerkt, dass die Spannung etwas abgefallen ist. Wir müssen jetzt schauen, dass wir wieder die Kurve kriegen. Denn die Spannung in den Alles-oder-Nichts-Spielen plötzlich wieder hochzufahren, ist nicht so einfach. Deshalb sollten wir auch gegen Cottbus eine vernünftige Leistung anbieten.

Zum Thema:
Stefan Krämer kam zu Beginn der Saison 2014/15 nach Cottbus und baute nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga ein neues Team auf. Energie belegte am Ende den 7. Platz. In seiner zweiten Saison wurde Krämer nach sieben Spielen ohne Sieg dann im September 2015 entlassen. Seit Januar arbeitet der Mainzer bei Rot-Weiß Erfurt und führte den Club aus Thüringen vorzeitig zum Klassenerhalt. Erfurt liegt derzeit auf Platz zehn.