„Ich stehe hier im siebten Stock und ich spring jetzt“, sagt der junge Mann am Telefon. Gerlind Vespermann stockt der Atem. Doch die Telefonseelsorgerin muss sprechen und vor allem den Anrufer zum Reden bringen. Er sei Bundeswehr-Soldat, erzählt der 25-Jährige.
Durch die Corona-Beschränkungen lebte er viele Wochen mit seiner Freundin in der Isolation. Dadurch habe es viel Streit gegeben, bis sie ihn verlassen habe. „Der Anrufer hatte noch andere Probleme. Die Trennung hat ihn dann in die Krise gestürzt“, berichtet Gerlind Vespermann.

Angst vor zweitem Lockdown

Seit März hat sie über 90 Hilfs-Telefonate geführt. Sie ist eine von rund 70 ausgebildeten Ehrenamtlichen, die das Corona-Seelsorgetelefon von 8 bis 24 Uhr betreuen. Laut einer eigenen Erhebung gingen bei der Hotline bis Ende Juli fast 1500 Anrufe ein. Die durchschnittliche Gesprächsdauer lag bei 24 Minuten.
Aktuell sinke die Zahl der Anrufenden, dafür werden die einzelnen Gespräche länger. „Viele haben Angst vor einem zweiten Lockdown, und die Existenznöte nehmen zu“, hat die Seelsorgerin festgestellt.
Da ist zum Beispiel die Dame aus Charlottenburg, die auf einmal ihre Miete nicht mehr zahlen kann und Angst vor der Räumungsklage hat. Oder der polnische Lkw-Fahrer, der um seinen Job bangt. „Seine Mutter war schwer krank. Er wusste, wenn er sie in Polen besucht, muss er bei der Wiedereinreise nach Deutschland in Quarantäne.“
Auch Einsamkeit spiele nach wie vor eine große Rolle. „Viele sind weiter vorsichtig und treffen keine  Freunde.“ Die 60-jährige Helferin berichtet von einem älteren Mann, den regelmäßig Panik im Supermarkt überfällt. „Sobald ihm jemand zu nahe rückt, lässt er den Wagen stehen und geht ohne Einkauf nach Hause.“

Coronakrise macht deutlich: Zuhören ist wichtig

Unter den Anrufern seien aber auch auffällig viele jüngere Menschen. Manche sind inzwischen auch einfach nur erschöpft. So wie die Mutter von drei Kindern. „Sie wollte einfach mal eine halbe Stunde nicht stark sein müssen und endlich mal weinen dürfen“, berichtet Vespermann.
„Diese Krise zeigt deutlich, was Menschen in Not dringend benötigen: das offene Ohr eines anderen, der ruhig zuhört, der Hoffnung, Stärke und Trost gibt“, betont auch Bischof Christian Stäblein.
Das kostenlose und anonyme Angebot ist ein Projekt der evangelischen Landeskirche, des Erzbistums Berlin, der Diakonie sowie der Caritas und wird vom Senat mit 65 000 Euro gefördert.
Um es noch bekannter zu machen, stellt das Unternehmen Hans Wall auch Werbeflächen unter anderem in BVG-Wartehäuschen zur Verfügung. 1500 Plakate sowie Postkarten, die in Kneipen und Restaurants verteilt werden, sollen auf das Corona-Sorgentelefon hinweisen.

Helfer sind gut ausgebildet

Die Helfer waren vorher schon in der Seelsorge tätig und wurden bis zu einem Jahr dafür ausgebildet. Das scheint auch dringend nötig „Viele Anrufer haben Suizidgedanken“, betont Vespermann. Was den Bundeswehrsoldaten angeht, so konnte sie ihn überreden, mit ihr das abendliche Telefongespräch unten in einer Grünanlage weiterzuführen.
Nach einer Dreiviertelstunde gab er ihr das Versprechen, bei seinem Bruder zu übernachten. „Ich muss aber nochmal kurz nach oben“, sagte der junge Mann. Die Seelsorgerin blieb so lange am Apparat, bis er seine Sachen gepackt hatte und wieder auf sicherem Boden stand.

Anonym und kostenlos


Das Corona-Sorgentelefon ist unter 030 403 665 885 täglich von 8 bis 24 Uhr kostenfrei und anonym zu erreichen. In psychosozialen Krisen und bei Suizidgefahr können Betroffene aber auch den 24-Stunden-Notruf der Telefonseelsorge wählen 0800/111 0 111 sowie 0800/111 0 222 
– kostenlos und anonym. neu