Vor der drohenden Rad-Losigkeit herrscht erst mal Ratlosigkeit: Beim Tourismusverband Spreewald zerbrechen sich Geschäftsführer Peter Stephan und Mitarbeiterin Marianne Wendland die Köpfe, wie sie auf den anstehenden Messen für ihren beliebtesten Radweg werben sollen. Denn der seit Jahren schwelende Streit um die Nutzung des Abschnittes um Petkamsberg - zwischen Lübben und Schlepzig - eskaliert in diesen Tagen.

Gerd Michaelis ist Geschäftsführer der Teichgut Peitz GmbH. Diese betreibt und verpachtet in Petkamsberg die Gewässer. Auf Angler-Seiten im Internet werden sie für ihre Forellen gerühmt.

Reden will Michaelis "eigentlich nicht" über den Streit. Dann sagt er doch etwas: "Ich möchte nicht geradestehen müssen, wenn sich ein Radfahrer dort das Genick bricht." Ein Großteil der Wege zwischen Lübben und Schlepzig gehört der Teichwirtschaft, "es ist Betriebsgelände, Wirtschaftsweg", sagt Michaelis. Er erwähnt Sicherungspflichten, Haftungsfragen und Instandhaltungs-Aufwand. Der zunehmende Tourismus, der "Hang zur Natur", behindere immer öfter den Betriebsablauf an den Teichen. Natürlich gehe es auch um Geld, um Ersatz, aber mehr will er nun wirklich nicht sagen.

Deutlicher wird der Teichgut-Chef in einem Schreiben, das Mitte November verschickt worden ist und der RUNDSCHAU vorliegt. Bereits seit August 2009, so heißt es in dem juristisch zumindest angehauchten Brief, werde über einen Wegenutzungsvertrag verhandelt. Auf diese Gespräche vertrauend, habe man am 15. September dieses Jahres dem Landkreis Dahme-Spreewald eine Rechnung geschickt über den "auf der Grundlage der geführten Verhandlungen bezifferten Jahresbetrag".

Manche sagen jetzt, es drehe sich um 15 000 Euro, andere sprechen von mehr Geld, da die Rechnung des Teichgutes plötzlich von Nettobeträgen ausgehe.

Der Landkreis, so schreibt Michaelis weiter, habe diese Rechnung zurückgeschickt mit der Bemerkung, dass "eine Vereinbarung über eine entsprechende Zahlungspflicht nicht bestehe". Michaelis sagt zwar, er hoffe, "dass sich das alles klärt". Im Schreiben aber holt er eine recht große Keule heraus: Betriebliche und haftungsrechtliche Gründe machten es unmöglich, den touristischen Radverkehr auf den Wegen zuzulassen. "Wir werden daher die betrieblichen Flächen einzäunen bzw. die Radwege absperren, falls die . . . Verhandlungen nicht kurzfristig abgeschlossen sein sollten." Bis zum Ende des Jahres müsse der Vertrag zustandekommen, ansonsten sollen bis Ende Januar 2012 die Radwegschilder entfernt werden.

Brandenburgs beliebteste Route wäre dann dicht. Viel schlimmer könnte es für den Tourismus im Spreewald nicht kommen. Der setzt gerade auf Natur und Bewegung, wirbt mit einem einmaligen Rad-Netz.

In Lübben und Schlepzig hat das Schreiben dickes Stirnrunzeln hervorgerufen. Dass dabei der Landkreis als Empfänger der Rechnung auftaucht, gefällt manchem durchaus. Denn es wird schon in bald vergilbten Papieren danach gesucht, wer die Verbindung als touristischen Radweg hat haben wollen - also nach Belegen für das alte Motto: "Wer bestellt, bezahlt". Wirklich rausrücken mit solchen Erkenntnissen will niemand, vielleicht noch nicht. Vielleicht hofft auch der eine nur auf das Einlenken des anderen. Denn den Weg wollen alle, er ist - da haben Politiker durchaus mal recht - alternativlos.

Im Lübbener Landratsamt hält man sich zugute, in den Verhan-dlungen vermittelt zu haben. Wenn auch ohne Ergebnis. Der Kreis, sagt Landrat Stephan Loge (SPD), werde im Rahmen seiner Möglichkeiten helfen. Alternativrouten seien geprüft worden, aber "man landet immer auf der Landstraße zwischen Lübben und Schlepzig". Die viel befahrene und schmale Verbindung gilt Radfahrern als Schrecken.

Bleibt also das Geld. 9000 Euro aus dem Kreishaushalt sind im Gespräch, heißt es. Allerdings, das sagt wiederum Loge, seien vor allem die beide Kommunen im Boot. Denn der Rahmen der Möglichkeiten des Kreishaushaltes wird zumindest enger. Und touristische Profiteure seien ja eher die Kommunen.

Im Lübbener Rathaus hat der stellvertretende Bürgermeister Frank Neumann ein ruhiges Gewissen. Seit dem Frühjahr gebe es einen Beschluss der Stadtverordneten, wonach die Verwaltung den gewünschten Nutzungsvertrag mit abschließen soll. Finanzielle Auswirkungen für Lübben: mehr als 4000 Euro Kosten.

Wenn Jens-Hermann Kleine auf das Thema angesprochen wird, hat er schnell einen recht dicken Aktenordner zur Hand. Der Chef des Amts Unterspreewald hat zunächst aber erhebliche juristische Zweifel: "Ist es gesetzlich möglich, solche Wege zu sperren?" Der CDU-Politiker würde die Frage nicht formulieren, wenn er sie nicht verneinen würde. Zudem sagt er, es sei nicht üblich, eine Entschädigung für betriebliche Einbußen zu zahlen. Der Amtsdirektor würde es wohl gern auf eine juristische Klärung ankommen lassen - doch die kann dauern. Und Teichgut-Chef Michaelis hat in seinem Schreiben schon mal vorsorglich darauf verwiesen, die Sperrung bereits mehrfach angedroht zu haben. Juristisch sitzen also beide Seiten in den Startlöchern.

Kleine betont, dass die Sperrung nicht von der Gemeinde Schlepzig ausgehe. Über Geld mag der Amtsdirektor nicht reden, da der entsprechende Beschluss von der Gemeinde in nicht öffentlicher Sitzung gefasst worden ist. Immerhin sagt er: "Aus unserer Sicht ist der Betrag zu hoch." Wenn es sich um 15 000 Euro handelt, die das Teichgut fordert, dann wäre Schlepzig mit 1500 Euro gefordert. Sind es 17 000 Euro, die kolportiert werden, dann wird es deutlich mehr.

Diese Summen will auch Schlepzigs Bürgermeister Werner Hämmerling nicht bestätigen. Er sagt nur: "Wir wollen den Weg nicht sperren, weil er einer der schönsten ist. Wir haben uns mit einer Summe beteiligt, die im Verhältnis zur Einwohnerzahl das Machbare ist. Wir können nichts mehr drauflegen."

Beim Geld, so scheint es, hört die Freundschaft auf. Den Tourismuswerbern in Raddusch nutzt das nichts. Peter Stephan macht eine andere Rechnung auf: Allein die Beschilderung neuer Wege, so denn welche gefunden würden, werde deutlich teurer. An Neubau ist nicht zu denken. Und Imageschäden durch eine Sperrung sind kaum bezifferbar.

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GurkenradwegIdyllisch schlängelt sich der Weg zwischen Spree und den Teichen durch die Landschaft. Die Planer müssen Mitte der 1990er-Jahre sofort verliebt gewesen sein - heute führen der Gurkenradweg, der Spreeradweg, der Hofjagdweg und der Europawanderweg E 10 von Lübben über die Schleuse Hartmannsdorf, die Gaststätte Petkamsberg nach Schlepzig. Der Gurkenradweg gilt als der beliebteste Radweg in Brandenburg. Er führt über insgesamt 260 Kilometer und verbindet als Rundkurs Cottbus mit dem gesamten Spreewald.