Es ist 9.15 Uhr am Freitag, als die erste Zeugin vor dem Richter sitzt. Sie soll dabei helfen, Licht in das Dunkel zu bringen: Der Vorwurf lautet, Manfred K. (66) habe seinen Nachbarn in einem Spremberger Wohnheim an der Forster Landstraße mit einem Küchenmesser angegriffen - weil dieser wohl um eine Flasche Bier bat.

Doch sowohl der Angeklagte als auch das Opfer Olaf D. behaupten, sich nicht mehr an die Details der Tat vom 13. April zu erinnern. Beide waren damals stark betrunken. Die Zeugin, 61 Jahre alt, Chefin des Heimes für sozial bedürftige Menschen, berichtet: "Ich lernte Manfred K. im Jahr 2012 kennen, als er zu uns kam, mit einem Hund, einer Tasche und einem Beutel - mehr hatte er nicht dabei." Anfangs sei er nett und höflich gewesen, aber auch ein "totaler Einzelgänger". Zunächst habe er kein Geld besessen, zumal ihm die nötigen Rentenpapiere fehlten. Doch als dieses Problem geregelt war, begann er, immer mehr Alkohol zu trinken - so erzählt es die Zeugin. "Es wurde von Monat zu Monat schlimmer, er wurde immer aggressiver." So habe er zum Beginn seines Aufenthalts im Wohnheim noch regelmäßig Kreuzworträtsel gelöst und gemalt. Diese Beschäftigung sei später regelrechten Zechgelagen gewichen. "Er machte die Nacht zum Tage", sagt die Zeugin. "Wenn ich ihn zur Rede stellte, schrie er mich an, er beleidigte mich, er hat sich nicht mal mehr gewaschen." Irgendwann habe sie mit dem Gedanken gespielt, ihn wieder des Wohnheimes zu verweisen: Selbst ein Alkoholiker sei schließlich dazu angehalten, ein bisschen auf sein Erscheinungsbild zu achten.

Richter Frank Schollbach interessiert sich auch für die Einschätzung der Zeugin zum mutmaßlichen Opfer der Straftat: "Und was ist denn der Herr D. für ein Mensch?"

Sie denkt nicht lange nach. "Ein Alkoholiker, der Hilfe braucht, aber er ist ruhig, sehr gutmütig, sodass ihn andere Leute ausnutzen." Sie teile ihm das Geld ein, zehn Euro pro Tag bekomme er für sein privates Leben. Die Miete im Wohnheim betrage unterdessen 215 Euro im Monat - inklusive aller Nebenkosten.

Als nächster Zeuge kommt ein Polizeibeamter in den Saal, der am Abend des Angriffs den Tatort sicherte. "Wir gingen auch zum Zimmer des Beschuldigten, der zunächst die Tür nicht öffnen wollte." Auf dem Bett habe Manfred K. gesessen, das Messer vor sich auf dem Tisch und 4,4 Promille intus.

Auch mehrere Bewohner des Heimes kommen vor Gericht zu Wort, nachdem beim letzten Termin das Opfer selbst ausgesagt hatte. Einer berichtet: "Die haben sich halt öfter mal angeschrien." Diese Aussage steht allerdings im Widerspruch zur Schilderung eines anderen Zeugen, der erklärt: "Mich wundert, dass die eine Auseinandersetzung hatten, denn der Olaf ist eigentlich ziemlich ruhig." Ein weiterer Mieter des Wohnheims erinnert sich an die Nacht der Tat. "Der Olaf blutete im Flur, er sagte: ,Das dumme Schwein hat mich angestochen', und als ich bei Herrn K. an der Tür klopfte, rief er, dass er mich umbringen wird. Aber er wusste wohl nicht mal, wer da gerade vor der Tür steht."

Der Prozess am Cottbuser Landgericht wird am 24. Oktober fortgesetzt - wahrscheinlich mit weiteren Zeugenaussagen zur Messerattacke.

Zum Thema:
Im Spremberger Wohnheim für sozial Bedürftige kam es schon in der Vergangenheit zu Straftaten. Im Jahr 2009 wurde ein Mann, 35 Jahre alt, zu zehn Jahren Haft verurteilt: Das Cottbuser Landgericht sah es als erwiesen an, dass er sein 50-jähriges Opfer mit einer abgebrochenen Flasche erstochen hatte: Mindestens zwei Mal habe er ihm diese Flasche in den Hals gerammt. Auch damals sei der Täter stark betrunken gewesen.