Beim ersten Testlauf wurde der Protonenstrahl Sektor für Sektor angehalten, um die Funktionen des gesamten Systems zu überprüfen. Nach nicht einmal 60 Minuten hatte das Protonenbündel die Testrunde in dem Beschleuniger zurückgelegt. "Niemand hätte sich vorstellen können, dass dies in weniger als einer Stunde möglich gewesen wäre", sagte ein Mitglied des Kontrollteams: "Wir sind sehr glücklich und stolz." Cern-Generaldirektor Robert Aymar sprach von einem "historischen Tag" für den Wissensdurst der Menschheit.
Der Probebetrieb des LHC soll mehrere Wochen dauern, von den folgenden Langzeitexperimenten erhoffen sich die Physiker Aufschluss über fundamentale Fragen wie die Entstehung des Universums und die Struktur der Materie. Die Forscher wollen in dem mehr als Hundert Meter unter der Erde gelegenen LHC Protonen auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und miteinander kollidieren lassen. Dabei entstehende neue Teilchen könnten Antworten auf fundamentale Fragen der Physik liefern. "Wir erwarten Entdeckungen, die ziemlich spektakulär sein könnten", sagte der Physiker Daniel Denegri.

Higgs-Teilchen nachweisen
Wissenschaftler aus aller Welt hoffen unter anderem darauf, dass im knapp 3,8 Milliarden Euro teuren LHC das geheimnisumwitterte Higgs-Teilchen nachgewiesen werden kann, das der gängigen Theorie zufolge den Elemen tateilchen ihre Masse verleiht. Zudem wollen die Cern-Wissenschaftler im Zuge der LHC-Experimente Bedingungen wie unmittelbar nach dem Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren erzeugen, um Aufschluss über die Entstehung des Universums zu gewinnen. Die Experimente könnten auch zur Lösung des Rätsels beitragen, warum die sichtbare Materie im Kosmos nur vier Prozent ausmacht, 23 Prozent jedoch aus "dunkler Materie" und 73 Prozent aus noch völlig rätselhafter "dunkler Energie" bestehen.

Experte Landua: "Keinerlei Gefahr"
Als unbegründet hatten Cern-Forscher Einwände einzelner Wissenschaftler zurückgewiesen, die Hochenergie-Experimente im LHC seien hochgefährlich und könnten sogar zum Weltuntergang führen. Die Kritiker führen unter anderem ins Feld, bei den Experimenten könnten "Strangelets" entstehen - hypothetische Teilchen, welche die Erde verschlingen könnten. Auch würden womöglich winzige schwarze Löcher produziert, die als gefräßige Schwerkraftmonster dem Planeten gefährlich werden könnten. Die Cern-Wissenschaftler halten dem unter anderem entgegen, dass die Natur seit jeher beim Auftreffen kosmischer Höhenstrahlung auf die Erde weit höhere Energien produziere als der LHC. Der Experimentalphysiker Rolf Landua bekräftigte gestern, von den Experimenten gehe "keinerlei Gefahr" aus. (AFP/ta)