Es ist kalt an diesem Juni-Nachmittag in Cottbus. Der Himmel über der Stadt ist grau. Auf dem Bürgersteig in der Calauer Straße kniet ein Mann und wischt vorsichtig den Straßenstaub von drei kleinen Messingplatten, die in das Pflaster eingelassen sind. Auf den Plaketten stehen die Namen dreier Menschen, die einmal in der Calauer Straße 65 zu Hause waren. Es sind die Namen von Juden, die den Holocaust nicht überlebt haben. Die Namen der Großeltern und der Tante Steven Schindlers. Der Amerikaner aus San Diego ist der Sohn eines KZ-Überlebenden, der aus Cottbus stammt.

Der Anfangfünzigjährige trägt einen Umschlag bei sich. Darin stecken Fotos und ein Blatt Papier, auf dem sein Vater für ihn die wenigen Orte in der Stadt notiert hat, an die er sich noch aus Kindertagen erinnern kann: sein Geburtshaus in der Calauer Straße, die Hausnummer 19 in der Marienstraße, die Weinhandlung seines Onkels Nathan in der Dresdener Straße und das Geschäft seines Großvaters nahe dem Kaufhaus Schocken in der Spremberger Straße.

Für Steven Schindler wird der Weg durch die Heimatstadt seines Vaters zur Zeitreise. Max Schindler selbst hat Cottbus einmal besucht, noch vor der Wende. Als sehr grau habe ihm der Vater die Stadt beschrieben. Sein Sohn hat Erinnerungsfotos von diesem Besuch dabei. Auf denen lacht Max Schindler. Vor allem für ihn, den inzwischen über Achtzigjährigen, sei er nach Cottbus gekommen. "Mein Vater war hier, um zu zeigen: Schaut, es gibt mich noch. Hitler hat es nicht geschafft, uns alle umzubringen. Dass nun auch eines seiner vier Kinder als Überlebender der zweiten Generation nach Cottbus kommen kann, macht ihn glücklich", sagt Steven Schindler.

Mit seiner Handykamera dokumentiert er die Stationen der Tour. Er macht viele Fotos und dreht kleine Filme. Wie bestellt öffnen sich für ihn die Türen. Mit heutigen Mietern kann er das Geburtshaus seines Vaters betreten, ihn von dort in Kalifornien anrufen. Der Vater beschreibt ihm seinen Schulweg. Der Sohn folgt der Beschreibung und gelangt in die Weinbergstraße. An der Straße der Jugend findet er die Weinhandlung seines Großonkels wieder. Der Firmenname steht noch in der Toreinfahrt. Die heutige Mieterin des Geschäftes bittet ihn herein. Steven Schindler kann mit einer Taschenlampe den ehemaligen Weinkeller erkunden, wo er noch alte Weinkisten entdeckt. Wo das Geschäft seines Großvaters lag, kann er nicht mehr genau orten. Und auch ob ein infrage kommendes Haus in der Marienstraße die Nummer 19 von damals ist, bleibt ungewiss. Auf jeden Fall macht er ein Foto von einem Plakat der Initiative "Cottbus nazifrei", das dort in einem Fenster hängt.

"Dieses Plakat und auch die Stolpersteine zeigen mir, dass sich Menschen in Deutschland inzwischen wirklich mit dem auseinandersetzen, was im Holocaust passiert ist. Das stimmt mich optimistisch. Als ich im Jahr 1979 erstmals nach Deutschland kam, hatte ich diesen Eindruck noch nicht", erinnert sich Steven Schindler. Seine eigene Trauer angesichts der Spuren seiner ermordeten Vorfahren bleibt an dem Tag in Cottbus im Hintergrund. "Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit dem Verlust konfrontiert werde", sagt er. "Die Gefühle werden kommen. Wenn ich alleine bin und es still um mich ist."