Er wird kommen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die in der Annaburger Heide lebenden Wölfe ihren Rückzugsraum verlassen und nach außen drängen. Davon ist Klaus-Peter Hurtig, Funktionsbereichsleiter Naturschutz im Bundesforstbetrieb Mittelelbe, fest überzeugt. Allein die Zahlen sprechen dafür.

Nachweislich zwei Alttiere und ihre sechs Jungen sowie ein erwachsener Einzelgänger leben gegenwärtig in der Annaburger Heide. Futter finden die Wölfe hier in ausreichender Menge. Die Frage ist nur, wie lange das Wild den Bedarf des Rudels deckt. Rein rechnerisch benötigen die Neun ein Areal von 25 000 Hektar. Die Heide ist aber nur halb so groß. Sollte sich darüber hinaus in den kommenden ein, zwei Jahren weiterer Nachwuchs einstellen, wird es eng. Sowohl was den nötigen Freiraum angeht, als auch das Futterangebot. Etwa drei Kilogramm Fleisch benötigt ein erwachsener Wolf als Tagesration. Da Wölfe Aas verschmähen, schlagen sie ihre Beute immer wieder neu. Gewerbliche Tierhalter, so Hurtig, sollten sich daher schon jetzt Gedanken darüber machen, wie sie sich der kommenden Situation stellen. Denn Übergriffe auf Nutztiere sind zwangsläufig vorprogrammiert.

2012 Pärchen entdeckt

Erste Erkenntnisse, dass es in der Annaburger Heide Wölfe gibt, liegen seit 2008 vor. Damals wurden Spuren eines Einzelgängers gesichtet, der sich wenig später auch einem Jäger zeigte. Doch von Dauer war dieser Kontakt nicht. Erst zwei Jahre später stießen Weidmänner erneut auf frische Spuren. Gleichzeitig gelangen Filmaufnahmen, die eine eindeutige Identifikation erlaubten. Zu diesem Zeitpunkt lief das Wolfsmonitoring schon auf vollen Touren. Jeder gefundene Spurenabdruck, jede Losung wurde durch die zuständigen Wolfsbetreuer im Bundesforstbetrieb Eva Mann und Jan Claußnitzer dokumentiert. Die Daten übermittelten sie zur weiteren Auswertung an ein Institut in Görlitz. Ein wirklicher Coup gelang aber erst 2012. Eine Fotokamera hielt erstmalig ein Pärchen im Bild fest. Schon damals rechneten die Wolfsbetreuer mit kommendem Nachwuchs. Eine Bestätigung ihrer These lieferte das Bild einer Wölfin, deren Gesäuge deutlich angeschwollen war. Ein klares Indiz dafür, dass sie Junge hatte. Den endgültigen Beweis lieferten die im September gefertigte Aufnahmen des gesamten Rudels.

Kein Problem für Menschen

Auch wenn die Rückkehr des Wolfes in einstige Lebensräume längst keine neue Meldung mehr darstellt, die Reaktionen darauf fallen zum Teil heftig aus. Vor allem Jäger fordern vereinzelt schon heute, den Wolf unter das Jagdrecht zu stellen. Da er aber zu den bedrohten Tierarten gehört, verbietet die EU den Abschuss der Vierbeiner. Eine Ausnahme bilden nur so genannte Problemwölfe, allerdings erst dann, wenn ein aufwendiges Verfahren diesen "schlechten Charakter” bestätigt. Was die Jäger vor allem stört, ist der markante Verhaltenswechsel bei Rotwild, Schwarzwild und Rehen. Sie alle werden merklich scheuer und formieren sich zu größeren Gruppen. Dass der Wolf seine Beute beständig vor sich hertreibt, hat zudem Einfluss auf den Aufenthaltsort des Wildes. Angesetzte Drück- oder Treibjagen können so schon mal in Revieren stattfinden, aus denen sich das Wild wegen des Wolfes kurzzeitig zurückgezogen hat. Gleichzeitig drängen Hirsch und Reh in Gebiete vor, die sie bislang mieden. Verbiss an jungen Bäumen ist die ungewollte Folge.

Dass der Wolf die Annaburger Heide sucht und mag, kann man ihm nicht verdenken. Ein ausreichendes Futterangebot, offene Räume, fehlender Verkehr und so gut wie keine Infrastruktur lassen das Terrain für ihn zum idealen Raum werden. Die Elbe stellt in der weiteren Ausbreitung nach Westen nur ein geringes Hindernis dar. "Wir werden ihn im Auge behalten, sollten aber auch lernen, mit ihm zu leben”, betont Klaus-Peter Hurtig. Eine Gefahr für den Menschen, so der Experte, gehe vom Wolf aber derzeit nicht aus. Diese Behauptungen gehören für ihn ins Reich der Fantasie. Auch für den Übungsbetrieb der Bundeswehr und die forstliche Bewirtschaftung der Heide stellt der Wolf kein Problem dar.

Zum Thema:
Bei Rissen an Nutztieren, die einem Wolf zugeordnet werden könnten, sollten sich Nutztierhalter so schnell als möglich bei den zuständigen Naturschutzbehörden melden. Zuständig in Brandenburg sind die Untere Naturschutzbehörde oder der amtstierärztliche Bereitschaftsdienst. Sie erstellen ein Rissgutachten, ohne das durch die Länder keine Entschädigung gezahlt wird. Wichtig ist darüber hinaus, dass freilaufende Hunde in Wolfsgebieten einer erhöhten Gefährdung unterliegen. Weitere Infos zum Thema lassen sich unter www.wolfszone nachlesen. svg1