Unter dem Motto "WOLLunteers - komme was wolle" griffen sie zu Stricknadel und Häkelhaken, luden Leute zur gemeinsamen Handarbeit ein. An schmalen Laternen vor der berühmten Wittenberger Schlosskirche wurde ausprobiert, ob die Maschenarbeiten Wirkung zeigen.

Vor 500 Jahren hatte an dem symbolischen Ort der rebellische Theologe Martin Luther (1483-1546) für Aufsehen gesorgt, als er der Überlieferung nach seine 95 Thesen an die Tür des Gotteshauses schlug. Dieses Ereignis gilt als Ursprung der weltweiten Veränderungen in Kirche und Gesellschaft. Daran wird mit dem Reformationsjubiläum 2017 auf unterschiedliche Art und Weise erinnert. Zugleich wird der Blick nach vorn gerichtet, was Veränderung heute bedeutet, wie ein Sprecher des Vorbereitungsteams des Vereins "luther2017" sagte.

Ziel der Strick-Aktion war es, die Kleinstadt mit rund 45 000 Einwohnern bunter und einladender für Gäste zu machen, erklärt Julia Kießig, Leiterin des Projekts. Sie selbst habe derartige Aktionen zum Beispiel in Portugal erlebt. Anregend seien die Gespräche beim Stricken gewesen. "Da lernt man sich und anderes kennen", sagte sie. Die bunten Arbeiten in Wittenberg stünden auch für Weltoffenheit und Toleranz im Zusammenleben der Menschen rund um den Globus - auch Männer aus Kolumbien waren mit am Wittenberger Stickwerk beteiligt.

Sie hätte sich zwar etwas mehr Leute gewünscht, die in der Stadt mitgestrickt hätten, aber: "Wir haben so viele Strickspenden von Leuten aus der Region bekommen, die zu Hause oder in ihrer Handarbeitsgruppe extra für unser Projekt angefragt und gestrickt haben, das war umwerfend", sagt die Bildungsreferentin. Etwa 80 Prozent des Kunstwerks am Hauptbahnhof kam auf diese Art zusammen.

Am letzten Wochenende im Mai werden in Wittenberg rund 200 000 Menschen zum Abschlussgottesdienst des Deutschen Evangelischen Kirchentags erwartet. Viele reisen mit dem Zug nach Wittenberg. Sie treffen am Hauptbahnhof auf die Strickkunst. Die unter "Guerilla-Knitting", "Urban-Knitting" oder auch "Strick-Graffiti" benannte Kunstform basiert laut Kießig auf der Idee einer Frau aus den USA. Sie habe 2005 in ihrem Laden einen Griff umhüllt.

Daraus entwickelte sich eine Kunstart, bei der Gegenstände im öffentlichen Raum durch Stricken verändert werden - ob Laterne, Geländer oder auch Baum. So bekam in Hannover 2014 selbst die Kuppel der Basilika St. Clemens eine "Strickmütze" auf Initiative der Street Art-Künstlerin Mansha Friedrich verpasst. 120 Mitwirkende fertigten über 200 Meter lange und rund 400 Kilo schweren Strickbahnen an. Auf der spanischen Insel Mallorca zieren in der Stadt Sollér vor einer Kirche Bäume bunte Wollkreationen.