Rund 100 beschleunigte Verfahren laufen im Jahr am Cottbuser Amtsgericht. "In den Jahren 2008 und 2009 hatten das Gericht noch rund 240 bis 250 Anträge zu solchen Verfahren verzeichnet. Damals waren das überwiegend Trunkenheitsdelikte im Straßenverkehr. Sie machen heute noch 30 bis 40 Prozent der beschleunigten Verfahren aus", sagt Michael Höhr. Er ist am Cottbuser Amtsgericht für die beschleunigten Verfahren zuständig.

Rund 3000 Strafsachen werden nach Schätzungen Höhrs im Cottbuser Amtsgericht im Jahr verhandelt. Demnach machen die beschleunigten Verfahren etwa drei Prozent aus.

Längst nicht alle Delikte kommen für ein beschleunigtes Verfahren infrage. Wirtschaftsstrafverfahren, Sexualstraftaten und Veruntreuungen, Betrug und Umweltstrafsachen scheiden aus. "Der Sachverhalt soll einfach und überschaubar sein und die Beweislage klar - ideal ist ein Geständnis. Und es darf keine höhere Strafe als ein Jahr Freiheitsstrafe zu erwarten sein", zählt Höhr auf. Zudem sind Jugend- und Schöffensachen von vornherein als beschleunigte Verfahren ausgeschlossen. Stattfinden müssen sie in kürzester Zeit - mehr als sechs Wochen dürfen seit der Tat nicht vergangen sein.

Die aktuellen Regelungen zu beschleunigten Verfahren finden sich in der Strafprozessordnung ab Paragraf 417. Sie gelten seit 1994. Beschleunigte Verfahren gibt es aber schon länger und sie folgen einem alten Grundsatz: Die Strafe soll der Tat auf dem Fuße folgen. "Ein weiterer Vorteil ist, dass sich Zeugen unmittelbar nach der Tat noch viel besser erinnern", sagt Höhr. Sogar auf Täterseite werde das beschleunigte Verfahren begrüßt - und zwar besonders, wenn Menschen zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten. "Das beobachte ich zum Beispiel bei Trunkenheitsfahrten und Diebstahl. Das Warten auf den Prozess und die Folgen der Tat belastet. Denn es kann sich auf die Familie und den Beruf auswirken. Diese Menschen sind oft froh, dass über ihr Fehlverhalten in kurzer Frist entschieden wird", sagt Michael Höhr. Ähnlich würden das der Genugtuung wegen die Opfer empfinden. In beschleunigten Verfahren seien das oft Polizisten. Und auch dem Amtsgericht ersparen diese Verfahren Arbeit.

Und der Nachteil? "Man hat weniger Möglichkeiten, sich mit der Person des oder der Angeklagten zu beschäftigen", sagt Höhr. Aber wer Richter Höhr bei beschleunigten Verfahren erlebt, weiß, dass vor der Festsetzung des Strafmaßes den Angeklagten ausführlich nach seinen Lebensumständen fragt. Er hört von schwerkranken Müttern, unterhaltspflichtigen Kindern, von der finanziellen Misere und spürt über den Dolmetscher, der oft hinzugezogen werden muss, inwieweit er dem Angeklagten vertrauen kann. "Ich persönlich würde es begrüßen, wenn wieder mehr von beschleunigten Verfahren Gebrauch gemacht würde", sagt Höhr. Eine Sorge weniger hat er seit dem Umzug des Amtsgerichtes von der Vom-Stein-Straße am Südeck in die Thiemstraße. Da die Freiheitsstrafe im beschleunigten Verfahren fast immer zur Bewährung ausgesetzt wird, hat er kein schlechtes Gewissen, wenn er die Täter - ob sie aus Katowice oder Königs Wusterhausen kommen, nach Hause schickt. Der Bahnhof ist um die Ecke.