Frau Bormann, welche Bilanz ziehen Sie vier Monate nach Start der Kampagne?
Eine sehr gute. Wir hatten noch nie eine so große Resonanz auf eine Kampagne wie auf diese. Uns erreichten viele Zuschriften – von Unfallopfern über Seelsorger bis hin zu ganz normalen Verkehrsteilnehmern. Die Briefe waren oft sehr emotional. Da gab es zum Beispiel jemanden, der schrieb, dass ihn die Kampagne zwar im ersten Moment schockiert habe, er sich aber ganz oft dran erinnere, wenn er autofahre und er deshalb auch vorsichtiger fahre.

Aber es gibt sicher auch Kritik an der Umsetzung in Form von Todesanzeigen.
Natürlich, die gibt es immer. Wir wissen, dass die Todesanzeigen sehr drastisch sind und als Provokation empfunden werden könnten. Das haben wir aber in Kauf genommen. Denn selbst diejenigen, die die Plakate als zu schockierend empfinden, beschäftigen sich damit. Es geht darum, den Leuten deutlich zu machen, dass pro Jahr 5000 Menschen im Straßenverkehr umkommen. Wir müssen den Zahlen in der Unfallstatistik ein Gesicht geben.

Die Aufmerksamkeit ist da. Aber was wollen Sie mit der Kampagne erreichen?
Unser Ziel ist eine langfristige Verhaltensveränderung. Wir wollen an die Verantwortung der Verkehrsteilnehmer appellieren und ihnen sagen: Ihr könnt mit Eurem eigenen Verhalten etwas tun, um die Opferzahlen zu senken. Denn die meisten Unfälle sind verhinderbar.

Die Zahl der Todesopfer im Straßenverkehr ist seit Jahren rückläufig.
Das stimmt, andererseits ist im Jahr 2007 erstmals seit zehn Jahren die Zahl der Verletzten wieder gestiegen. Es gibt keinen Grund, sich darauf auszuruhen, dass die Zahl der Todesopfer gesunken ist. 5000 Menschen – das ist einfach eine wahnsinnig hohe Zahl. Da müssen wir weiter am Ball bleiben, um diese zu verringern.

Auf den Plakaten sind die Gesichter von Familien und Paaren abgebildet. Sind das echte Unfallopfer?
Nein, das sind Schauspieler und Models. Sie wurden aus reiner Vorsicht im Ausland gecastet. Denn wir wollten verhindern, dass vielleicht der Nachbar eines Abgebildeten denkt, derjenige wäre wirklich tot, oder dass wir jemanden zeigen, der kurz nach den Aufnahmen tatsächlich bei einem Unfall zu Tode kommt.

Aber die Geschichten sind wahr?
Die Plakatmotive stellen alltägliche Fälle dar, die jederzeit und überall geschehen. Wie zum Beispiel die beiden Mädchen im Auto, die als Beifahrerinnen eines jungen Fahrers auf dem Heimweg von der Disco einen Unfall haben. Wir haben uns bei den Motiven an der Unfallstatistik orientiert. Der Schwerpunkt war dabei die unangepasste Geschwindigkeit, die Hauptursache bei Unfällen. So kann selbst Tem po 50 auf einer Landstraße viel zu schnell sein, wenn die Kurve nicht einzusehen oder die Fahrbahn nass ist.

Wie wird die Kampagne finanziert?
Aus Bundesmitteln. Das sind pro Jahr drei Millionen Euro, die Kampagne ist auf drei Jahre angelegt. Derzeit gibt es rund 700 Plakate, die an Autobahnen und Rastplätzen stehen.

Wie geht es weiter?
Wir haben weitere PR-Aktionen geplant, um die Kampagne am Laufen zu halten und die Verkehrsteilnehmer nachhaltig für die Devise „Runter vom Gas“ zu sensibilisieren. Und wir konzentrieren uns jetzt darauf, bestimmte Gruppen von Verkehrsteilnehmern zu erreichen. Denn Motorrad- oder junge Fahrer zum Beispiel sind besonders gefährdet.

Mit CARLA BORMANN
sprach Dana Schülbe

Weitere Informationen zu der Kampagne gibt es im Internet unter www.runter-vom-gas.de