Erwin Strittmatter nannte seine Tagebücher, die er sein Leben lang führte, eine "kleine Heimat" und wollte mit ihnen eine "zweite Spur" seines Lebens legen. In 235 Heften notierte er Dinge des Alltags, Erlebnisse, Begegnungen und immer wieder Naturbeobachtungen. Aus den im Aufbau Verlag veröffentlichten "Nachrichten aus meinem Leben. Aus den Tagebüchern 1954-1973" las Dieter Mann am Donnerstagabend auf Gut Geisendorf. Als erstes empfahl er Lesern der Tagebücher das Nachwort als Vorwort. "Das erleichtert den Einstieg", sagte er und tat dies gleich an Lesers statt. Strittmatter habe seine Tagebücher als Lebensprotokollant geliebt, aber manchmal auch gehasst. Dieser Zwiespalt begleitete ihn ein Leben lang.

Die Kluft zwischen Anspruch und Realität im Leben, in der Politik der Partei, eine schonungslose Beschreibung der eigenen Person wie auch anderer belegen die Auszüge aus der Buchveröffentlichung, die Dieter Mann im Literaturforum vorstellt. Ausgewählt hat der Schauspieler die Passagen nicht. Das habe der Verlag getan, wie er im Gespräch berichtet. Doch er ist der exzellente Vorleser, der nicht in die Nachahmung der Diktion Strittmatters verfällt. Sachlich, fast trocken trägt er vor, wenn es vom 14. Juni 1956 heißt, dass es ein Tag wie alle anderen gewesen sei, an dem es einen Strauß Pfingstrosen und am Abend den Film "Gefährtin der Nacht" gegeben habe. 11 Uhr Hochzeit - das war auch noch für diesen Tag in der Kladde vermerkt. Das Evchen scheint den Platz im Leben zu finden, notierte Strittmatter kurz zuvor. Eine längere Notiz ist ihm da schon ein Familienausflug wenige Tage später mit Evchen und dem kleinen Erwin wert. Es ist ein heiterer Familientag, in den auf dem Rückweg Zank wie ein Blitz einschlägt. Er irrt am windgepeitschten See herum, bekommt Hunger, das Gaspedal seines Autos versagt - ihn packt die Wut. Er repariert mit etwas Glück das Auto und ist um 1 Uhr nachts daheim. Der Hunger ist groß, Evchen kommt ans Bett und macht alles wieder gut. "Dieses Weib ist ein Segen für mich", bekennt er. Und sie sei sein zweites literarisches Gewissen, das sofort in Aktion ist - eher als sein eigenes. Doch sie setzt ihm auch zu, wenn er es nicht schafft, sich zu widersetzen, wenn es heißt "die Parteiführung wünscht …" und sich Strittmatter zum Kulturverbandschef machen lässt. Nach anderthalb Jahren notiert er, dass er unter keinen Umständen mehr eine Parteifunktion übernehmen werde, in der er der Partei nicht helfen kann. Er bleibt in der Formulierung so, dass ihm die Genossen aus dieser Bemerkung, sollten sie das Tagebuch einmal lesen, keinen Vorwurf machen könnten. "Der Dichter gewinnt wieder die Oberhand", triumphiert er.

Dass Strittmatter gemeinsam mit seinem Sohn Jakob das Schwimmen lernt und zum 60. Geburtstag das Freischwimmerzeugnis schafft, zeigt ihn von seiner nur selten erscheinenden Seite als Vater.

Und dass auch er in der DDR nicht so leicht eine Baugenehmigung erhielt, ist so normal wie kaum vermutet. Ein halbes Glas Wermut und einen flüchtigen Blick in Evas Augen erlaubt er sich Silvester 1973 - und das Versprechen, im neuen Jahr so oft es die Umstände erlauben, eine Wanderung am See.

Viel Applaus spenden die Zuhörer dem Vorleser aus den Strittmatter-Tagebüchern. Dieter Mann verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass auch Zuhören anstrengend sei. Zeit für Fragen des Publikums bleibt nicht. Der Schauspieler sieht sich nicht als Strittmatter-Fachmann. "Bis Ole Bienkopp bin ich noch dabei gewesen", sagt er. Bei Sitzungen der Akademie der Künste habe er Strittmatter kennengelernt. Er sei ein eigentümlicher Mensch gewesen. Dieses Bild nahmen die meisten Zuhörer wohl auch aus Geisendorf mit nach Hause. Jene, die wegen des Schriftstellers gekommen waren und jene, die den sprechenden Schauspieler erleben wollten.

Zum Thema:
Die Veranstaltungssaison auf Gut Geisendorf wird am Samstag, 13. Oktober, um 11 Uhr mit der Eröffnung der Ausstellung "Ansichtssache" fortgesetzt. Andreas Mattern zeigt Aquarelle und Radierungen. Im Literaturforum präsentiert Anette Leo am 18. Oktober, 19 Uhr, ihr Buch "Erwin Strittmatter. Die Biografie". Am 20. Oktober, 19 Uhr, ist das Trio "Tsching live" im Musiksalon zu Gast. Am 28. Oktober öffnet der Kunstmarkt von 13 bis 18 Uhr seine Pforten. Bei guter Musik können Besucher mit den Künstlern plaudern.