Statt des Büro-Outfits kleidet Matthias Krüger dann lockerer Freizeitlook. Und statt der Aktentasche trägt er einen Kescher in der Hand, in der Jackentasche sind Notizblock und Bleistift verstaut. So ausgerüstet kann sich der Finanzfachmann einer völlig anderen Leidenschaft widmen, die ihm die Begegnung mit bizarren Jungfern beschert. Ihnen spürt er mit Vorliebe an Gewässern nach. Die Jungfern haben vier hauchdünne Flügel, die im Sonnenlicht mitunter perlmuttartig funkeln. Es sind Libellen. Schon seit den 80er-Jahren beschäftigt sich Matthias Krüger mit der hiesigen Libellen-Fauna. Es tut das deshalb, weil sich am Vorkommen und Wohlergehen ihrer Larven der Zustand von Gewässern sehr gut bestimmen lässt. „Libellen gelten als Bioindikatoren für die Qualität von Gewässern, wobei jede Libellenart bestimmte Lebensräume bevorzugt“, erklärt er. „Es gibt in Deutschland allein 80 verschiedene Libellenarten.“

Weil mittlerweile einige Menschen im Elbe-Elster-Kreis wissen, dass sich Krüger mit allerlei Krabbel- und Fluggetier auskennt, wird er vor allem im Sommer hin und wieder gebeten, einen „Riesenflügler“, der vermutlich einen „lebensgefährlichen Stachel“ besitzt, in Augenschein zu nehmen. Bis jetzt konnte er immer beruhigen: „Es sind Libellen, und die stechen nicht.“ Zuletzt gab es etwas Unruhe wegen der Feuerlibelle, die aus Afrika und dem Mittelmeerraum in hiesige Gefilde vordringt und wegen ihrer tiefroten Farbe besonders auffällt. Sie gilt nach Meinung von Odonatologen – das sind Libellenkundler – als ein Paradebeispiel des Klimawandels und wurde deshalb zur „Libelle des Jahres 2011“ gekürt. Matthias Krüger ist Mitglied der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen, die in der Republik etwa 800 Interessierte zählt. „Odonta, die Ordnung der Libellen, zählt zu den ältesten Insektenordnungen. Vor etwa 150 Millionen Jahren sahen die Libellen schon so ähnlich aus wie heute, hatten nur noch größere Flügelspannweiten“, schwärmt Matthias Krüger und erzählt begeistert weiter: „Sogar die Menschen haben sich beim Bau ihrer Fluggeräte einiges von ihnen abgeschaut, weil Libellen fast lautlos wie kleine Hubschrauber fliegen. Weltweit sind etwa 6000 dieser Insektenarten bekannt, davon etwa 140 in Europa. Die Sinnesleistungen der Libellen gelten als außergewöhnlich, weil ihre Facettenaugen aus bis zu 30 000 Einzelaugen bestehen und etwa 250 Bilder in der Sekunde auslösen, was zehnmal mehr ist als bei den Menschen.“

So wie die Feuerlibelle als Indikator für die Klima-Erwärmung gilt, so zeigt die Gemeine Flussjungfer im Elbe-Elster-Kreis den Zustand der Gewässer an. „In den 80er-Jahren waren ihre Larven nur noch in der Kremitz vorhanden. Jetzt gibt es sie auch in respektablen Mengen in der Schwarzen Elster. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass sie so schnell auf bessere Umweltbedingungen reagieren“, sagt Krüger.

Von Kindheit an hat sich der Mann für die Natur interessiert und ist auch Mitglied im Naturschutzverein Falkenberg. Weil ihn immer ärgerte, dass sich in der Region kaum jemand für die Dokumentation von Insektenvorkommen, insbesondere von Libellen, zuständig fühlte, hat er sich dieser Aufgabe angenommen. Speziell deshalb ist Matthias Krüger, vorwiegend von April bis in den November hinein während seiner Freizeit an Baggerseen, Teichen und Flüssen der Region unterwegs und hält nach den Schlupfhäuten der Insekten Ausschau. Diese finden sich an der Gewässeroberfläche, wo sie sich an Gräsern und Schilf festsetzen. Findet Matthias Krüger so eine Schlupfhaut, dann weiß er, dass diese Larve ihre Zeit als „schwimmende Nymphe“ gut überlebt und aus ihrer Haut heraus die Verwandlung zur „fliegenden Jungfer“ vollzogen hat. So bietet ihm ein Wassertümpel weitaus spannendere Unterhaltung, als es das Fernsehprogramm je könnte. Sogar in Serie.

Zum Thema:

Am heutigen Samstag referiert Matthias Krüger im Rahmen des 7. Naturschutztages im Elster-Natoureum in Maasdorf. Er hält einen Fachvortrag über die hiesige Libellenfauna und ihre Bedeutung für die Natur zwischen Elbe und Elster. Beginn ist um 10 Uhr.