"Mir geht es vor allem darum, dass die Zuschauer eine Toleranz für die Verletzlichkeit der Künstler entwickeln", sagt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt mit Zusatzausbildung Stimmheilkunde, der selbst singt. Die Wände seines kleinen Behandlungszimmers im großen Festspielhaus sind voll mit Dankesschreiben und Fotos bekannter Darsteller, denen er oft in letzter Minute noch die wichtige Premiere gerettet hat. Namen darf er nicht nennen - ärztliche Schweigepflicht.
Vom Bänderriss bis zu banalen Bauchschmerzen hat er schon vieles gesehen, die Künstler kämen am häufigsten mit Atemwegs- und Stimmerkrankungen zu ihm. Oft seien dann Schnelligkeit und Improvisationstalent gefragt, erzählt er. "Einmal rief mich der Osmin aus der Mozart-Oper "Die Entführung aus dem Serail" zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung an und meinte, er könne nichts mehr hören." Nach Untersuchung und Gespräch hinter der Bühne war die Diagnose für den Mediziner klar: Der Opernstar war tagsüber im Fuschl-See bei Salzburg schwimmen, das Wasser hat sein Ohrenschmalz so aufquellen lassen, dass es den Gehörgang verstopfte. "Wir sind dann ins Krankenhaus gerast, haben seine Ohren gereinigt, und die Vorstellung konnte dann doch noch stattfinden - mit einer dreiviertel Stunde Verspätung", erzählt Schlömicher-Thier.

Rippenbruch aus Leidenschaft
Bei einem anderen Stück warf sich ein Schauspieler in einer Liebesszene so heftig auf seine Partnerin, dass sie einen Rippenbruch davontrug. Schlömicher-Thier schützte die Dame bei den weiteren Vorstellungen mit einem Rippengürtel vor der Leidenschaft ihres Geliebten. Und manchmal ist selbst der erfahrene Mediziner auf den ersten Blick mit seinem Latein am Ende: "Ein Sänger kam mit Kopfweh, Schwindel und allen anderen Anzeichen eines Sonnenstichs zu mir - aber draußen hat es geregnet." Weitere Nachforschungen ergaben dann, dass nicht die Sonne, sondern ein riesiger Bühnenscheinwerfer direkt vor dem Darsteller den Hitzschlag ausgelöst hatte. Der Regisseur musste seine Inszenierung umplanen. "Im Getümmel der Selbstverwirklichung und Pflichterfüllung entstehen manchmal Gefahren für die Darsteller, meine Aufgabe ist es, darauf hinzuweisen."

Opern-Stars medizinisch unterversorgt
Doch das Privileg eines eigenen Arztes mit Stimmheilkunde-Ausbildung hat außer Salzburg nach Angaben von Schlömicher-Thier kaum ein anderes Haus weltweit. "Die medizinische Vorsorge und Versorgung der Künstler ist global gesehen schlecht - es gibt immer noch viel zu viele Stimmprobleme", sagt er. Während Profi-Fußballer gleich mit einem ganzen Stab von Betreuern herumreisen, gehen die großen Opern-Stars meist erst zum Arzt, wenn es zu spät ist - und dann noch immer zu einem anderen. Dazu kommt die wachsende Belastung durch viele Aufführungen, Werbeverträge und weitere öffentliche Auftritte. "Der Druck auf die Künstler nimmt zu, sie müssen ja beispielsweise nach stundenlanger Vorstellung noch bei jedem Empfang aufmarschieren", kritisiert der Mediziner. Das könne schnell zu einer Überbelastung der goldenen Kehlen führen.
Im vergangenen Jahr hatten krankheitsbedingte Absagen von unter anderem Anna Netrebko und Rolando Villazón in Salzburg Ärger ausgelöst. "Das Verheizen von Sängern macht mir Sorgen", sagt der Arzt. Ein erster Schritt für mehr Stimmgesundheit sei eine gleichbleibend gute medizinische Betreuung, deshalb baue er momentan mit Kollegen ein weltweites Netzwerk aus Stimmexperten unter dem Namen "Collegium Medicorum Theatri" auf. "Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es ein Sponsor, der mir eine Wellness-Oase für Künstler im Festspielhaus mit exzellenter medizinischer Ausstattung bezahlt", sagt der Opernfan.