Von Annett Stein

„Tante Elli, weißt du noch, wer ich bin?“ „Ach Oma, das ist doch keine Gabel.“ „Komm Papa, wir machen jetzt mal Gehirntraining.“ Sätze wie diese prasseln zu Tausenden auf demenzkranke Menschen ein. Sie mögen gut gemeint sein – für die Betroffenen können sie aber zur Qual werden. „Mit solchen Bemerkungen werden sie darauf hingewiesen, was sie alles nicht mehr können, nicht mehr wissen“, sagt Eva Leistra, Koordinatorin der Demenzdienste beim Malteser Hilfsdienst im Bistum Münster.

Um sich ihren Stolz und ihre Würde zu bewahren, versuchten Demente mit aller Macht, Verluste zu verbergen, erklärt Markus Proske, seit vielen Jahren Demenzberater. Kontrollfragen und Korrekturen machten diese Mühen zunichte. Jeder, der Kontakt zu Dementen habe, solle eines verinnerlichen: „Es macht keinen Sinn, den Betroffenen wieder in die eigene Welt zurückholen zu wollen. Respektieren Sie ihn, begleiten Sie ihn in seine Welt.“

Rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland haben nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft eine Demenz, gut zwei Drittel davon Alzheimer. Gut 300 000 Neuerkrankungen gibt es derzeit jährlich, mehr als 800 täglich. Bis 2050 wird wegen der steigenden Lebenserwartung mit rund drei Millionen Demenzpatienten bundesweit gerechnet. Bislang ist die mit massivem Zellschwund im Gehirn einhergehende Krankheit unheilbar.

„Demenz ist ein Prozess“, betont Proske zum Welt-Alzheimertag am 21. September. „In der Anfangsphase reflektiert jeder Betroffene, dass etwas nicht stimmt.“ Er sei dann ohnehin in einem emotionalen Notstand, voller Scham, verzweifelt. „Und dann wird er wie ein Kind abgefragt oder korrigiert“, so Proske. „Das ist oft sehr erniedrigend.“ Was also tun, wenn die Oma auf die Gabel zeigt und sagt: „Gib mir den Löffel“? Experten raten, den gemeinten Gegenstand auszuhändigen, ohne den Fehler zu kommentieren.

Verhalte sich ein Demenzkranker aggressiver als vor der Erkrankung, liege das – von Sonderformen abgesehen – oft am unsensiblen Umgang mit ihm. Ein Beispiel sei der Vorwurf, man habe sich eine Woche nicht ein Mal gemeldet, erklärt Leistra. „Wenn Sie dem Demenzkranken widersprechen, weil Sie doch erst gestern mit ihm telefoniert haben, kann das in bösem Streit enden.“ Besser sei es, dem auszuweichen, etwa mit einem Satz wie: „Oh Mama, hast du mich so vermisst?“, und den Betroffenen lieb in den Arm zu nehmen.

Für viel Verdruss sorge oft auch der Vorwurf, vom Partner oder Kind bestohlen worden zu sein, erklärt Christa Matter, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft Berlin. Erkrankte vergäßen binnen kürzester Zeit, wo sie Dinge hinlegen und würden in der Folge oft misstrauisch, weil sie sich nur mit einem Diebstahl erklären könnten, dass Schlüssel oder Geld nicht mehr zu finden sind.

Proske sagt: „Wir müssen uns klarmachen: Alles, was ein dementer Mensch macht, hat einen tieferen Grund.“ Wenn auch nicht für uns, für ihn selbst sei er vollkommen schlüssig. Geldbeutel, Schlüssel oder Schuhe würden zum Beispiel gern im Kühlschrank deponiert. Der werde als ein Schrank wie jeder andere wahrgenommen und enthalte zudem schon etwas Wichtiges: das Essen. „Noch dazu ist er mit Licht ausgestattet - wie praktisch.“

Missachtet werde im Umgang mit Erkrankten oft ein zutiefst menschliches Bedürfnis: das Gefühl, gebraucht zu werden. „Sich nützlich zu fühlen, ist wichtig fürs Selbstwertgefühl, auch bei Dementen“, so Proske. Es könne schon helfen, einem Maler Tapete und Malzeug zur Verfügung zu stellen oder einen Bauern zu fragen, wie er früher gewirtschaftet habe. „Das Kurzzeitgedächtnis ist zwar weg, aber das Langzeitgedächtnis bleibt, das kann man sich zunutze machen.“ Eine solche Brücke in die Vergangenheit könne auch sein, Senioren nach den Liedern ihrer Kindheit zu fragen, ergänzt Leistra. „Musik ist der Schlüssel zum Herzen vieler Demenzkranker.“

Angehörigen dementer Menschen raten die Experten dringend dazu, Schulungen zu besuchen. „Wissen hilft pflegen“, betont Proske. Gut 70 Prozent der Betroffenen in Deutschland würden derzeit daheim betreut, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Familien stießen da oft an Grenzen, mit unnötigem Geschimpfe, unwirschen Reaktionen oder gar einer ausgerutschten Hand als Folge. „Mit dieser Schuld müssen Sie dann ihr ganzes Leben weiterleben“, warnt er. „Das sind unsere Omas und Opas. Wir müssen uns doch gut um sie kümmern.“