Von Anja Hummel

Die Wiener Würstchen schwimmen im Topf, alle Geschenke sind verpackt, der Weihnachtsbaum ist erleuchtet, der Tisch gedeckt. Zeit zum Frischmachen. Oder vielleicht sogar zum Entspannen? Da macht es plötzlich „klingeling“: Die Schwiegereltern sind da – ein halbes Stündchen vor der Zeit. „Wir können doch helfen“, sagen sie mit der Rosinenstolle in der Hand, während sich die beiden pubertierenden Teenager vor der Playstation lauthals bekriegen. Der Vater kommt hektisch aus der Dusche gestürzt, während die Mutter panisch die starre Pyramide erblickt. Sollte die nicht schon längst in Gang gebracht sein?

Von wegen Vorfreude: An den Weihnachtsfeiertagen herrschen statt herbeigesehnter Harmonie oftmals Stress, Überforderung und Unmut. Aber warum ist das so? „Je mehr Erwartungen, Ansprüche und Wünsche aufeinanderprallen, desto mehr Konfliktpotenzial gibt es“, erklärt Christine Schnorr. Als Familienberaterin arbeitet die 42-Jährige für die Caritas in Hoyerswerda und Cottbus. Genau dieses „Aufeinanderprallen“ verursacht oftmals Streit und schlechte Laune – und das schon weit im Vorfeld des eigentlichen Festes. Ein Beispiel: Während der Vater als Montagearbeiter an den Feiertagen das Bedürfnis nach Ruhe hat, möchte die Mutter mit Halbtagsstelle gern etwas erleben und ein Konzert besuchen. Der 15-jährige Sohn ist gelangweilt und will am liebsten gar nicht an der Familientafel sitzen. Hinzu kommen die Großeltern: Weil die Eltern der Mutter direkt um die Ecke wohnen, ist es für sie selbstverständlich, an Heiligabend vorbeizuschauen, während der Familienvater die Zeit lieber allein mit Frau und Kind verbringen möchte.

Kirche oder Spieleabend?

„Außerdem bringt man unbewusst eigene Vorstellungen vom Fest aus der Kindheit mit“, sagt Christine Schnorr. Der eine mag Karpfen und geht in die Kirche, der andere möchte Kartoffelsalat und einen Spieleabend. „Die Sehnsucht nach einem Glücksgefühl ist da. Wenn das nicht erfüllt wird, ist man enttäuscht“, erzählt die Familienberaterin. Und Enttäuschung kann man schlecht verbergen. „Es kann also an allen Ecken krachen“, bemerkt Schnorr.

Muss es aber nicht. Für die Beraterin steht fest: „Miteinander reden und dem Gegenüber zuhören ist das A und O.“ Das sollte schon weit vor dem Weihnachtsfest passieren. „Man sollte sich zuvor überlegen, wie viel Kraft die Familie für Besuche hat. Im Zweifel muss man absagen oder Kompromisse eingehen.“ So könnte der Besuch beispielsweise nicht schon zum Mittag, sondern erst zur Kaffeezeit anreisen. „Wenn das Ruhebedürfnis nicht erfüllt ist und es stressig wird, sind wir schneller gereizt“, weiß Christine Schnorr.

Absprachen und Kompromisse

Deshalb ist es wichtig, an den Feiertagen ganz bewusst Ruhephasen einzuplanen und ausreichend zu schlafen. Der Grundstein für die herbeigesehnte Harmonie an den Feiertagen wird also bereits weit im Vorfeld gelegt. Zusammengefasst: Für gute Stimmung sorgen ehrliche Absprachen. Einerseits sei es ratsam, die eigenen Erwartungen ein Stück loszulassen und Kompromisse einzugehen. Andererseits sollten die Bedürfnisse des anderen auch akzeptiert werden. Das ist nicht immer ganz einfach. „Vieles ist einem gar nicht bewusst. Man sollte sich erst einmal selbst fragen, was man sich eigentlich wünscht“, rät Christine Schnorr. Die Familienberaterin aus Cottbus hat aber auch noch Harmonie-Tipps „für die Schnelle“ auf Lager. „Man muss nicht immer ehrlich sein“ – zumindest, wenn es um Geschenke geht. Entspricht das Präsent unter dem Baum nicht ganz dem persönlichen Geschmack, sollte sich „die positive Absicht des Schenkers“ ins Gedächtnis gerufen werden.

„Es stellt sich natürlich auch die Frage, ob man den Geschenkestress überhaupt möchte“, wirft die Beraterin ein. Sie selbst hat das in ihrer Familie abgeschafft. „Wir schenken uns gegenseitig lieber eine  entspannte Zeit und sparen uns dadurch viel Stress“, erzählt Christine Schnorr. Macht sich am Tisch dann doch eine schlechte Stimmung breit, empfiehlt sie wieder: offen miteinander reden und ohne Vorwurf nachfragen, was den anderen stört. Um keinen Weihnachtsbaumkoller zu bekommen, hilft auch immer ein Spaziergang an der frischen Luft. Kerzen unterstützen das heimelige Gefühl. „Außerdem kann man eine internetfreie Zeit vereinbaren“, schlägt die Familienberaterin vor.

Kein Multitasking

Handy ausschalten und sich mal auf eine Sache – zum Beispiel auf das Gespräch mit der Großmutter – konzentrieren. „Wir machen immer drei Sachen auf einmal, dabei ist Multitasking ein echter Stressauslöser“, so Schnorr. Und was ist, wenn es dann doch geknallt hat? „Wenn man sowieso nichts mehr machen kann, dann sollte sich wenigstens kein Dritter einmischen und rumschnauzen.“ Paradebeispiel: Ehefrau und Schwiegermutter verkrachen sich. Wettert dann auch noch der Ehemann herum und beschuldigt seine eigene Frau für irgendein Verhalten, wird der Konflikt nur noch verschärft. Besser: einfach durchatmen und Ruhe bewahren.

„Wenn wir alle ohne Erwartungen an die Weihnachtszeit herangehen, dann sind wir offener für alles Schöne, was wir erleben können“, resümiert Christine Schnorr. Wer das verinnerlicht, bei dem könnte das Räuchermännel künftig der einzige in Weihnachtsbaumnähe sein, dem wirklich der Kopf qualmt.