Norrie ist weder Mann noch Frau. "Wenn mich die Leute ansehen und wenn ich dann sage, ich sei nicht Arthur oder Martha, dann sagen sie, ,ja, das verstehen wir'. Ich bin beides. Ich bin keins von beidem. Ich bin ich", sagt die Australierin.

Vor zwei Jahren erreichte Norrie ein für sie wichtiges Ziel. Sie wurde die erste Australierin, in deren Reisepass bei Geschlecht nur ein "X" eingetragen ist, statt dem üblichen "M" für "männlich" oder "W" für "weiblich". Nun ist die 52 Jahre alte ehemalige Beamtin einen Schritt weiter. Nach einem dreijährigen Rechtsstreit wurde sie im Juni zum ersten Bewohner in Australien, dessen Identitätsdokument sie als weder männlich noch weiblich ausweist.

Dieses Dokument hat den Rang einer Geburtsurkunde, und damit konnte Norrie bei ihrem Bankkonto oder Führerschein ihre Geschlechtsbezeichnung auf "unbestimmt" ändern.

Norrie wurde als Mann geboren, unterzog sich einer operativen Geschlechtsumwandlung, aber hörte vor mehr als 20 Jahren mit der weiterführenden Behandlung auf. Sie nimmt keine Medikamente, die sie mehr zu einer Frau machen würden. Norrie bevorzugt das Pronomen "sie", obwohl sie sich eigentlich als geschlechtslos fühlt. Sie nennt sich schlicht Norrie.

Nach dem Gerichtsentscheid wird es in Australien wohl auch zu offiziellen Änderungen kommen. "Sie sind einfach dem wahren Leben gefolgt", sagt Norrie über die Entscheidung der Richter. Sie hofft, dass man irgendwann gar keine Kästchen über das Geschlecht mehr ankreuzen muss. Früher fanden sich in Pässen Angaben wie Berufsbezeichnung oder Religion. Alles Dinge, die sich im Lauf des Lebens des Passinhabers ändern können. Wie auch das Geschlecht.

Die Richter hätten erkannt, dass Sexualität nicht nur eine rein biologische Dimension habe, sagt Norries Anwältin Emily Christie. "Es ist ein Durchbruch", zum ersten Mal sei anerkannt worden, das Geschlecht mehr sei, als männlich oder weiblich zu sein. "Das ist die Realität, in der wir leben." Die Entscheidung hat Auswirkungen auf das tägliche Leben: Norrie kann nun darauf bestehen, dass ihrem Wunsch nach einer nicht-geschlechtsdefinierten Kategorie stattgegeben wird.

"Ich hab das jetzt schriftlich. Es ist nicht etwas, dass ich mir nur einbilde. Wenn man nun sagt, man müsse das eine oder andere sein, bin ich der lebende Beweis für das Gegenteil."

Die sexuelle Identität und das Geschlecht einer Person stimmten nicht zwingend überein, sagt Generalstaatsanwalt Mark Dreyfus. Ein Mensch unbestimmten Geschlechts sei jemand, dessen biologisches Geschlecht nicht eindeutig bestimmt werden könne oder jemand, der sich als weder männlich noch weiblich bezeichne.

Vor dreißig Jahren machte einmal ein Büroleiter nach Angaben Norries genaue Notizen, welche Kleidung und Frisur sie trug. Sie habe weder die Herren- noch die Damentoilette benutzen dürfen. "Ich sollte die Behindertentoilette benutzen. Das kam mir nicht richtig vor." Nach zwei Wochen hatte sie gekündigt.