Dabei braucht sich "die Schöne an der Spree", an den nackten Zahlen gemessen, auch hier nicht zu verstecken: Mit 153 000 Übernachtungen konnten die Touristiker im Jahre 2009 mehr Gäste begrüßen als in jedem anderen Jahr zuvor (seit 1990). Und doch hätte man gern etwas von der Dynamik, mit der die Gästezahl in Görlitz anwächst: Dort kamen im Vorjahr 186 000 Übernachtungen in die Statistik, was im Verhältnis zu 2008 ein Plus von zehn Prozent bedeutet. Im Vergleich dazu stellt sich der Anstieg in Bautzen eher bescheiden oder gar als Stagnation dar. Die Vorsitzende des Tourismusvereins Bautzen, Maria Löcken-Hierl, kann mehrere Gründe dafür benennen, die aus ihrer Sicht dazu führen, dass die "Schere" zwischen den beiden Städten immer weiter auseinander klafft.Zum Beispiel geschickte Werbung. "Die Görlitzer machen eine überaus geschickte Werbung und platzieren dabei auch überregional immer wieder erstaunliche Erfolge", meint die Hotelierin. Als Beispiele nennt sie die Aktion "Probewohnen" und die Kulturhauptstadt-Bewerbung, die "trotz ihres Scheiterns viel Aufmerksamkeit auf Görlitz gelenkt hat." Allein im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hätten 2009 zwei große Liebeserklärungen an Görlitz gestanden - ob von der Stadt geschickt lanciert oder nicht, sei dahingestellt. Auch das "Bepflastern" großer Städte wie Berlin mit Görlitz-Plakaten habe Wirkung gezeigt. "Görlitz gibt für sein Stadtmarketing richtig Geld aus und hat Erfolg damit", fasst Maria Löcken-Hierl zusammen. Sicher spiele auch der Ruf von Görlitz als Filmstadt sowie die Fürsprache prominenter Fans, wie des Vorsitzenden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, in die Karten der Neißestadt. Und Bautzen? "Bautzen ist stolz auf seine Bescheidenheit", meint Lutz Hillmann, Stadtrat der Wählervereinigung Pegasus und Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters. "Wir haben zu viel Angst, bei anderen Städten Neid zu erwecken", fügt er sarkastisch hinzu. Das Stadtmarketing stecke in Bautzen erst in den Kinderschuhen, da sei Görlitz viel weiter. "Bis auf eine Anhörung war es auch noch nicht Thema im Stadtrat oder in den Ausschüssen", so Hillmann. Überhaupt seien die Probleme hausgemacht. "Die Standgebühren bei Stadtfesten wurden verdreifacht, mit der logischen Folge, dass sich niemand mehr da hinstellt", beklagt Maria Löcken-Hierl. Während die Besucher des Görlitzer Altstadtfestes oder des Straßentheaterfestivals von "mediterranem Flair" schwärmten, ersticke Bautzen "an seiner eigenen Sparsamkeit", wie Lutz Hillmann wiederum drastisch formuliert. "Plakate für Veranstaltungen auszuhängen ist fast unbezahlbar geworden", beklagen Meto Benad vom Sorbischen Nationalensemble und Gabriele Suschke vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater unisono. Fazit: Es scheint ein Umdenken auf vielen Ebenen erforderlich, will Bautzen hinsichtlich des Besucherinteresses gegenüber Görlitz nicht hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. "Wir tragen mit dem Eierschieben, der sorbischen Hochzeit und dem lebendigen Denkmal zur Attraktivität Bautzen bei, mehr können wir aber nicht leisten", spricht Maria Löcken-Hierl für den Tourismusverein. Uwe Menschner