Schon als Walter Henkel in den 60er Jahren in Groß Oßnig Stellmacher lernt, gehört der Beruf zur aussterbenden Zunft. Inzwischen ist er Rentner, tüftelt, zirkelt, sägt und feilt aber glücklich, wenn ein alter Handwagen in seine Werkstatt rollt. Und der Gallinchener träumt davon, noch einmal die Holzkarosse eines alten F 8 erneuern zu dürfen.

Die Teile eines alten Schranks besetzen die Mitte der Henkelschen Werkstatt in Gallinchen. „Jetzt kommen die Möbel aus den 1920er-Jahren. Die älteren Schmuckstücke haben die Leute schon sanieren lassen. Aber auch aus den Zwanzigern gibt es schöne Sachen“, sagt Henkel und streicht über die abgerundeten Kanten. Von der Stellmacherei allein kann er schon lange nicht mehr leben. In die Werkstatt seines Meisters in Groß Oßnig, ja, da waren die Bauern noch mit den Holzpflügen, Heukarren und Eggen gekommen. Wenn die Schippen neue Stiele brauchten, brachten sie sie zum Stellmacher. „Der Schlachter bekam ein neues Messerheft von uns, und wir haben Gärtnern die Holzkarosse eines alten F7 oder F8 so umgebaut, so dass sie ihn als Kleintransporter nutzen konnten“, erinnert sich Walter Henkel. Heute ist die kleine Landwirtschaft aus vielen Dörfern verschwunden. Die Maschinen sind hochmodern und wer lässt schon noch eine Leiter oder eine Harke reparieren?

Walter Henkel war 14 Jahre alt, als er seine Lehre begann. Sein Meister hatte die Werkstatt in der Straße, in der Henkel damals wohnte. „Mit gefiel die Vielseitigkeit dieses Berufes. Getüftelt habe ich schon immer gern“, sagt der 58-Jährige.

Nicht lange habe er in der DDR als Stellmacher gearbeitet. Er ging zum Wohnungsbaukombinat Cottbus, schulte zum Berufskraftfahrer um und sicherte sämtliche Schwerlasttransporte ab – vom Bagger bis zu den Fertigbauteilen für die vielen neuen Wohnungen, die in der DDR gebraucht wurden. Die Werkstatt zu Hause blieb sein Hobby. Erst nach der Wende konnte er sich selbstständig machen. Er restaurierte alte Schränke, baute an Dachstühlen mit, passte Fenster und Türen an. „Es lief gut – doch ich machte alles, was ich in all den Jahren gelernt hatte“, sagt Walter Henkel. Abrupt gestoppt hat ihn der Krebs, heute bekommt Walter Henkel eine Erwerbsunfähigkeitsrente und verdient sich mit seiner Werkstatt etwas dazu. Sie ist wichtig, um ihn nach den Krankenhausaufenthalten und Arztbesuchen wieder auf andere Gedanken zu bringen. Und sie ist sehr aufgeräumt. Henkel muss nie lange suchen. Mit dem großen Zirkel in einer der Kisten unter der Werkbank hat er die Räder für den Kastenhandwagen auf einer Hartfaserplatte gezeichnet. Zwei unterschiedlichen Größen brauchte er.

Als Horst Schmöche aus Schwarze Pumpe mit diesem alten Kastenhandwagen zu ihm kam, konnte Henkel das kaum fassen. Alle vier Holzräder wollte er erneuert, so dass die sechsjährige Pia, Schmöches Enkelin, damit zum Kindergartenabschiedsfest in Sachsen-Anhalt ziehen konnte. Am Ende hat er innerhalb eines Tages auch noch schnell einen neuen Kasten gebaut. „So einen Auftrag hatte ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Zuerst musste ich mir aber die Werkzeuge und Vorrichtungen, die ich für die Räder brauchte, herstellen“, sagt Walter Henkel und holt den Radstock und den Käffer. In den Radstock wird die Holznabe eingespannt. Der Käffer sichert die leichte Schräglage der Speichen für den Radsturz.

Ein Stellmacher hat es mehr mit Massivhölzern zu tun. Während die Speichen aus kurzfaserigem Eichenholz sind, sind die Felgen aus Esche. Auch Esche ist ein schweres hartes Holz, es ist aber langfaserig und lässt sich daher leicht biegen – die Langlaufskier und Schlitten früher wurden aus Esche gebaut“, sagt Walter Henkel. Der Schlitten, die er aber noch einmal unter seine Stellmacherhände bekommen möchte – ist ein Oldtimer F 8. 1949 hatte die Serienproduktion beim Industrieverband Fahrzeugbau (IFA) der DDR begonnen. Bis 1955 sollen etwa 25 000 Fahrzeuge produziert worden sein. Sein vielseitiger Einsatz auch als Kombi und als Pritschenwagen passte zur DDR. Die Karosserie bestand aus Holz. Walter Henkel: „Oft waren die Holmenden abgefault, sie wurden dann abgeschnitten und erneuert.“