Der Stollenteig gewöhnt sich gerade an Butter, Mandeln, Zitronat, Orangat, als Bäckermeister Hans-Werner Wahn noch einen Eimer Rosinen darüber schüttet. Die haben vorher in Rum gebadet und schwängern gerade verführerisch die Backstubenluft. Unbeeindruckt davon, beginnt die Maschine auf Knopfdruck zu kneten. "50 Kilo Mehl ergeben 120 Kilo Stollenteig", erklärt der Meister.

Daniel Schenker ist einer der Frühaufsteher und stellt die Waage bereit. Denn jeder Stollenteig muss erst darüber, bevor aus ihm ein leckeres Weihnchtsgebäck wird. Eine Portion nach der anderen wandert aufs Blech. Mit dem Backen zu Hause habe er nicht so viel am Hut, "meine Küche bleibt meistens kalt", gesteht er. Das ist das Stichwort für seinen Kollegen Alexander: "Der sucht nämlich 'ne Freundin", lästert er an der anderen Seite des Backtisches und formt dabei die Stollen. Bevor Hans-Werner Wahn gleich jeden einzeln in den 200 Grad heißen Backofen schiebt, schneidet er ihn oben mit einem Messer ein, "damit er gleichmäßig aufgeht", erklärt er.

Nebenan drängeln sich Teigportionen durch die Mangel. Ute Fisch schiebt einen Batzen nach dem anderen vor die Rolle und holt das plattgedrückte Teil hervor. Bettina Bubner wiegt die Quarkmischung für den Stollen ab. "600 Gramm kommen in jeden Stollen rein", kommentiert die Naundorferin, während sie die Masse anschließend gleichmäßig über den Teig streicht. Dann wird er zusammengrollt und in eine Form zum Backen gegeben.

Der Chef hat gerade ein bisschen Zeit und schnappt sich Reste vom Stollenteig. Rollt ihn mit den Rosinen platt und holt dann mit dem Teigkratzer Marzipan aus dem weißen Plastikeimer. Bedächtig streicht er die Masse darüber. Und nun? Er legt noch eine Lage Teig drauf und drückt sie fest. Hans-Werner Wahn greift schließlich zum Messer und schneidet schmale Streifen. Einen nach dem anderen fast er an den Enden und dreht jede Seite in eine andere Richtung. Was daraus geworden ist, wird Stunden später zum Renner an den Ladentischen in Lübbenau und Vetschau - der Wurzelstollen.

In einer abgeteilten Ecke der Backstube drückt Bettina Bubner aus einem Spritzbeutel fruchtige Häubchen auf das fertige Gebäck. Fast unbemerkt taucht ein paar Meter weiter Ingrid Michling Nussecken in Zartbitterschokolade. Auch bei Grit Kopsch duftet es unglaublich, denn sie überzieht dunkle Weihnachtssterne aus einer Schoko-Softmasse mit Rosinen, Nüssen und Zimt mit Schokolade.

Im Ofen machen sich die Stollen breit. Sie haben inzwischen goldbraune Farbe angenommen. Hans-Werner Wahn greift zum Holzspieß, sticht ihn in einen Stollen und erkennt beim Herausziehen, ob der Stollen wirklich schon ausgebacken ist. "Ein paar Minuten muss er noch", kommentiert er das Testergebnis. Seine ersten Wurzelstollen liegen aber schon fertig auf dem Tisch von Rainer Arndt und Steffen Riemer. Mit flüssiger Butter bestreichen sie den ersten goldgelben Stollen und zuckern ihn - fertig.

Neugierig ist der Chef schon, ob sein Wunderwerk schmeckt. In der Kaffeepause schneidet er den noch warmen Stollen an, beißt mit Kennermine hinein, beäugtdas Stück kritisch und sagt: "Den haben wir zu warm angeschnitten." Egal! Das Zeug schmeckt viel zu gut, als dass auch nur ein Stück auf dem Teller liegen bleiben sollte. Es ist ja Weihnachten. Irgendwann werden es wohl die Hüften merken.

Das Gefühl beschleicht einen sogar nur beim Zuschauen, wenn Gerlinde Bischoff Dominosteine zaubert. Auf ihrem Tisch liegt das erste Blech mit gebackenem Pfefferkuchenteig. "Der ist vor Monaten schon angesetzt worden", erzählt sie und auch, dass sie schon 39 Jahre bei Wahns in der Backstube arbeitet, damals noch beim Vater des Chefs.

Auf dem kleinen Gasherd in der Ecke beginnt das Fruchtgel zu kochen. Gerlinde Bischoff rührt kräftig. Als es die richtige Konsistenz zu haben scheint, gießt sie die Flüssigkeit über den dunklen Teig. "Das muss jetzt gut abkühlen", erklärt sie und schafft das Blech zu den zwei anderen nach draußen. Nun schneidet sie ein Kilo Marzipan vom Block und bearbeitet ihn mit dem Nudelholz so lange, bis er langsam die Abmaße des Bleches hat. Mit einem Lineal misst sie noch genau ab und schneidet die Ränder gerade. Dann rollt sie die Marzipanlage zusammen. "Das muss anschließend genau auf das Blech passen, denn auf dem Gelee kann ich nicht mehr viel korrigieren", so ihre Erfahrung. Nach einer Dreiviertelstunde ist es soweit. Die Bäckerin rollt das Marzipan aus, und es passt. Mit einem scharfen Messer schneidet sie später alles längs und quer ein. Es entstehen 340 Dominosteine auf einem Blech. Die aber nun noch nach leckerer Zartbitterschokolade lächzen. Die hat Grit Kopsch schon aufgelöst. Ein Stein nach dem anderen wird nun von den beiden vom Blech genommen, in die heiße Schokolade getaucht und auf ein Rost zum Abtropfen gelegt. Alles Handarbeit, wer hätte das gedacht!

Der Stollen ist inzwischen auch fertig. Der letzte wird bei Wahns kurz vor Weihnachten gebacken. Dagmar Wahn schätzt gerade in solchen Wochen ihre ganze Truppe: "So ein Betrieb lebt und stirbt mit guten Bäckern, Konditoren und Verkäuferinnen. Sie alle leben für die Firma."