Marcel Linge hatte schon im Bus so ein merkwürdiges Gefühl. "Es war sehr still auf der Hinfahrt zum Spiel", sagt der LHC-Trainer. "Wir haben die Partie zwar nie als letzte Chance deklariert, aber die Jungs können ja auch rechnen." Fünf Punkte Rückstand auf den direkten Konkurrenten aus Aschersleben hatten die Lausitzer vor den 60 Minuten aufgewiesen, drei weitere bis zum ersten Nichtabstiegsplatz, bei noch elf ausstehenden Begegnungen (Aschersleben eingeschlossen).

Die Mathe-Stunden in der Schule sind also nicht umsonst gewesen. Die Mannschaft war sich durchaus im Klaren darüber, dass dieses Kellerduell die womöglich letzte Gelegenheit sein würde, um so etwas wie eine Trendwende einläuten zu können und im Kampf um den Ligaverbleib doch noch vom Fleck zu kommen. Doch besagte Gewichtung schien die Kräfte der Linge-Schützlinge eher zu schmälern denn zu bündeln. Sinnbildlich für die Verunsicherung des Aufsteigers steht die Tatsache, dass es ganze sieben Zeigerumdrehungen dauern musste, bis Matthias Henow beim Stand von 0:3 den ersten LHC-Treffer beizusteuern vermochte.

Da, wo man sich in den Vorwochen also noch an den Qualitäten der Spitzenmannschaften die Zähne ausbiss, scheiterten die Cottbuser nun eher am Druck, den ein letzter Tabellenplatz produzieren kann, als an der Stärke des Klassementnachbarn. "Die Jungs können noch keinen Abstiegskampf. Das haben sie nie gelernt", ist Linge um Nachsicht bemüht. Mit einem Altersdurchschnitt von 21,5 Jahren (nur drei Akteure sind älter als 23, Kapitän Robert Michling ist mit 28 Jahren der älteste Spieler) kann das junge Kollektiv zwar mitspielen im Männerhandball, wo mit Haken und Ösen am Trikot des Gegenspielers gezerrt wird. In den entscheidenden Situationen aber mangelt es dem LHC schlicht am Knowhow.

Anders als den "Alligatoren", die mehrere ausländische Nationalspieler mit WM-Erfahrung in ihren Reihen wissen "und den Abstiegskampf einfach besser zelebriert haben", so Linge. Die Cottbuser, die sich unter der Woche mit einer Erkältungswelle und Magen-Darm-Viren herumärgern mussten, konnten zwar zu keiner Phase des Spiels in Führung gehen, blieben zunächst aber in Schlagdistanz. Was nicht zuletzt an den beiden Küken im ohnehin schon unschuldigen LHC-Nest lag. Die beiden A-Junioren Tom Seifert (17) und Georg Pöhle (18) kamen mit der Situation kurioserweise am besten zurecht und erzielten gemeinsam die Hälfte aller Cottbuser Tore. Letzterer überzeugte Marcel Linge mit seiner Unbekümmertheit am meisten und vertrat den erkrankten Max Kröning auf der Aufbauposition über weite Strecken der Partie famos. Pöhle war mit acht Einschlägen treffsicherster Cottbuser und übernahm nach Takevs Fehlversuch auch alle Siebenmeter (vier von vier). Mit einem Vier-Tore-Rückstand ging's in die Pause.

Nach dem Seitenwechsel jedoch musste der LHC abreißen lassen. Vor dem Gehäuse der "Krokos" trat mehr und mehr das zutage, was Linge als "jugendliche Unwissenheit" bezeichnet. Aschersleben erspielte sich kein großes Chancenplus, doch gaben die Cottbuser beim Abschluss zu viel Naivität preis. Dass Alligators-Coach Jörg Neumann nach dem 22:32 der Meinung war, dass das Ergebnis auch in die andere Richtung hätte ausfallen können, lässt nur erahnen, was der LHC alles liegengelassen haben muss.

Die Lausitzer kommen also ohne Punktezuwachs aus den Wochen der Wahrheit und auch bei Linge scheint, seinem Kampfgeist zum Trotz, die Gewissheit zu reifen, dass die 3. Liga (vor allem finanziell) vielleicht doch zu stark ist für Cottbus. "Wir wollen zumindest nicht Letzter werden", scheint nun erstmal das neue Saisonziel zu sein. Dass der LHC bis zum letzten Spieltag trotzdem alles versuchen wird, gehört zu Linges Selbstverständnis. Und was ist nicht schon alles passiert im Sport? Seine Spieler aber werden nicht nur rechnen können, sondern auch schon mal etwas von Wahrscheinlichkeitsrechnung gehört haben ...