„Zur Suchtberatung kommen die Betroffenen erst sehr spät. Aber beim Hausarztbesuch können Alkoholprobleme noch frühzeitig erkannt werden“, sagt Wolfram Thiel von der Cottbuser Suchtberatungsstelle in der Sachsendorfer Straße. Deshalb sei die Befragung der Patienten beim Hausarzt, wie sie in dem Pilotprojekt getestet worden ist, ein sinnvoller Ansatz. Jährlich beraten Wolfram Thiel und seine Kollegen zwischen 800 und 900 Menschen mit Suchtproblemen. „Bei rund 80 Prozent von ihnen ist der Alkoholmissbrauch das Hauptthema“, sagt Thiel. Auffällig sei, dass der Anteil der Frauen mit Alkoholproblemen ansteige und inzwischen bei etwa 35 Prozent liege. „Außerdem beobachten wir, dass das Durchschnittsalter der Betroffenen sinkt. Inzwischen liegt es etwa bei 40 Jahren“, so Thiel.

Auch wenn die Zahl der Ratsuchenden im Verlauf der Jahre nicht gestiegen ist und landes- sowie bundesweite Statistiken eine leicht rückläufige Entwicklung beim Alkoholmissbrauch verzeichnen, halten Suchtberater und Gesundheitsbehörden Präventionsmaßnahmen nach wie vor für dringend angezeigt. Denn allein in Brandenburg zählt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen etwa 54 000 Alkoholabhängige und rund 300 000 Menschen, deren Alkoholkonsum als riskant eingestuft wird.

Trinken positiv besetzt

„Das Trinken in unserer Gesellschaft immer noch positiv besetzt. Das Entspannungsbier zum Feierabend, aus dem schnell mehrere werden, oder das fröhliche Prosecco-Trinken mit den Freundinnen gehören für viele zum Alltag. Dass sich hinter diesen Gewohnheiten ein Suchtrisiko versteckt, wird übersehen. Aus der Gewohnheit wird eine schleichende Gewöhnung an den Alkohol und schlimmstenfalls eine Abhängigkeit“, warnt Michael Leydecker vom Tannenhof Berlin-Brandenburg. Er hat im Auftrag des Potsdamer Gesundheitsministeriums die Studie geleitet.

Aus der Region Cottbus konnten fünf Arztpraxen für das Pilotprojekt gewonnen werden. „Für die Patienten war die Teilnahme völlig freiwillig. Zum Teil lagen im Wartebereich der Praxen die Fragebögen aus. Zum Teil hat auch der Arzt die Patienten angesprochen. Selbstverständlich galt auch hier die ärztliche Schweigepflicht und den Teilnehmern wurde Anonymität gegenüber Dritten zugesichert. Gefragt wurde zum Beispiel, wie oft und wie viele alkoholische Getränke konsumiert werden oder, ob der Befragte selbst schon einmal das Gefühl hatte, seinen Alkoholkonsum verringern zu sollen. Ziel war es, die Befragten zum Nachdenken über ihre eigenen Trinkgewohnheiten anzuregen“, erkärt Michael Leydecker. Anhand dieser Befragungen sei das Trinkverhalten von 53 Prozent der teilnehmenden Patienten als riskant, missbräuchlich oder süchtig eingestuft worden. „Mit 616 der Befragten wurden weitere Gespräche über ihren Alkoholkonsum geführt. Bei 85 Prozent von ihnen reichte eine kleine Anregung. 15 Prozent wurde eine weitergehende Untersuchung empfohlen“, berichtet Michael Leydecker.

Suchtberatung hilft weiter

Mehrere dieser Patienten wurden an die Cottbuser Suchtberatung weiterverwiesen, die das Projekt aktiv begleitet hat. „Einige von ihnen haben inzwischen erfolgreich eine Therapie durchlaufen“, sagt Wolfram Thiel. „Die Pilotstudie war ein Anfang. Sie zeigt einen guten Weg auf, wie frühzeitige Prävention funktionieren kann. Mit einigen Hausarztpraxen gibt es bereits jetzt eine gute Zusammenarbeit. Wir bekommen regelmäßig Klienten geschickt. Aber insgesamt ist die Kooperation noch ausbaufähig. Ich würde mir wünschen, dass die Hausärzte in Zukunft das Trinkverhalten ihrer Patienten regelmäßig hinterfragen“, sagt Wolfram Thiel.

Für Ines Weigelt, die Suchtbeauftragte des Landes Brandenburg, hat das Pilotprojekt in Cottbus und Königs Wusterhausen bewiesen, dass die Befragung in den Arztpraxen eine effektive Methode der Suchtprävention ist, die sich mit relativ wenig Aufwand umsetzen lässt. Nun wird eine Modellregion gesucht, wo möglichst alle Hausärzte sich beteiligen. „Unser Ziel ist es, diese Präventionsmethode bundesweit zu etablieren. Es geht außerdem darum, hierfür finanzielle Anreize für die Ärzte zu schaffen und vorbeugende Maßnahmen als Regelleistung der Krankenkassen zu implementieren. Immerhin könnte so immensen Folgekosten vorgebeugt werden“, sagt die Suchtbeauftragte.