Sie liegen regungslos in den Notzelten von Pescara del Tronto und Amatrice, trösten sich gegenseitig in Umarmungen, lassen im Telefonat mit Angehörigen in der Ferne ihrer Verzweiflung freien Lauf: Den Überlebenden des verheerenden Erdbebens in Mittelitalien steht eine lange Zeit der Verzweiflung, Trauer und Ungewissheit bevor.

Noch immer wühlten sich am Freitag die Feuerwehrleute mit Schaufeln und Baggern, aber auch mit Händen durch die riesigen Berge von Bauschutt. Unter den Trümmern könnte doch noch ein lebender Mensch liegen. "Jetzt beginnt die Phase der Hoffnung", sagt einer der Feuerwehrmänner in Amatrice.

Ganze Familien wurden aus dem Leben gerissen - ein junges Paar, das in Amatrice im Urlaub war, die 21-jährige Anna, die gerade ihre Musikausbildung beendet hatte, der Immobilien-Makler Giacomo, seine Frau und seine 13-jährige Tochter, die 18 Monate alte Marisol. Besonders viele Urlauber sind unter den Opfern, die in der Urlaubszeit rund um den Gran Sasso wandern wollten. Oder Kinder, die bei den Großeltern Ferien machten. Bei einem Staatsbegräbnis an diesem Samstag mit Präsident Sergio Matarella in Ascoli Piceno will Italien von ihnen Abschied nehmen.

Kind nach 17 Stunden geborgen

Noch am Donnerstag hatten Suchhunde die elfjährige Giulia lebend unter einem zerstörten Haus in Amatrice aufgespürt, 17 Stunden nach dem Beben wurde das Mädchen dann fast unversehrt befreit.

Aus ganz Italien waren sofort am Mittwoch mehr als 5400 Helfer in die Abruzzen gereist - ausgebildete Helfer und Freiwillige. Dutzende Lastwagen mit Schaufelbaggern und Kränen stauten sich in den ersten beiden Tagen nach dem Beben vor den Einfahrten der zerstörten Orte. "Wir haben am Anfang sehr viel Aufwand betrieben - vielleicht ein bisschen zu viel", sagt einer vom Zivilschutz. In der Nacht zum Freitag werden Hunderte Helfer mit ihren Geräten wieder abgezogen.

Andrea Cardoni wird wohl noch länger in Amatrice ausharren. Der 35-Jährige ist ein Freiwilliger von Anpas, einer Partnerorganisation des deutschen Arbeiter-Samariterbundes. Im Katastrophengebiet haben Cardoni und seine 85 Mitstreiter mehrere "Tendopoli" aufgebaut, Zeltstädte für die Überlebenden, die keine Bleibe mehr haben. "Wir richten uns auf eine lange Zeit ein, vielleicht bis in den Winter", sagt Cardoni.

Regierungschef Matteo Renzi stimmte Italien auf einen mühsamen Wiederaufbau ein. 50 Millionen Euro wolle die Regierung sofort zur Verfügung stellen, insgesamt 234 Millionen Euro. Dann ging Renzi mit seinen Landsleuten ins Gericht. "Bei der Notfallhilfe sind wir unter den besten der Welt", sagte er nach einer Krisensitzung seines Kabinetts. "Aber es reicht nicht, an der Spitze der Notfallhilfe zu stehen", sagt der Ministerpräsident und entwirft dabei das Bild eines "Hauses Italien", in dem solche Katastrophen erst gar nicht geschehen dürften.

Tatsächlich offenbart das Erdbeben tiefe Risse im "Haus Italien". Das Erdbeben hat Schäden angerichtet, die durch eine Bauvorsorge vermeidbar gewesen wären. Das italienische Ingenieurkollegium schätzt, dass 15 Millionen Wohnungen, also die Hälfte aller Wohneinheiten in Italien, nicht ausreichend oder gar nicht gegen Erdbebenschäden gesichert sind.

Dabei seien rund 40 Millionen Menschen ständig der Gefahr von Erdbeben unterschiedlichster Stärke ausgesetzt. Weitere drei Millionen Gebäude, die vor 1919 errichtet wurden, müssten ebenfalls dringend gegen Erdbeben ausgerüstet werden. Die Ingenieure schätzen die Kosten für die Instandsetzung auf insgesamt 93 Milliarden Euro.

Teuer, aber lohnend

Die oft Jahrhunderte alten Häuser erdbebensicher zu machen, wäre zwar teuer, würde sich aber lohnen: "Man kann das für zehn Prozent der Kosten machen, die ein Wiederaufbau kostet", sagte der Professor und Erdbebenexperte Paolo Bazzurro von der Universität IUSS in Padua der Zeitung "La Stampa". Das technische Know-how gebe es zur Erdbebenvorsorge in Italien, es fehle aber an politischem Willen und finanziellen Hilfen. "Oft wehren sich auch die Gemeinden, weil sie negative Auswirkungen auf den Tourismus fürchten."