Bertrand Piccard ist als studierter Psychiater auch ein Meister der Selbsthypnose. André Borschberg vertraut eher auf Meditation. Die Methoden, mit denen sich die beiden Schweizer Flugpioniere auf die jeweiligen Etappen ihres Rekordversuchs der Erdumrundung allein mit Sonnenenergie vorbereiteten, sind unterschiedlich. Doch eines eint die Abenteuerer: die Vision von einer Welt, die aufhört, ihre eigenen Ressourcen zu verschlingen und konsequent auf erneuerbare Energien setzt.

Erhebliche Gefahren

Dafür nehmen Piccard - der Spross einer Forscherfamilie, der mit der Nonstop-Erdumrundung in einem Ballon weltberühmt wurde - und der langjährige Luftwaffen-Pilot Borschberg erhebliche Gefahren auf sich. Was, wenn die Lithium-Batterien, mit denen die Elektromotoren des Sonnenkraftflugzeugs "Solar Impulse 2" (Si2) angetrieben werden, doch nicht so lange durchhalten, wie berechnet? Oder wenn das Wetter umschlägt, ausgerechnet über dem Pazifik oder dem Atlantik?

Die übereinstimmende Antwort: "Wir sind auf alles vorbereitet, wir kennen das Risiko." Sie hätten Fallschirmabsprünge geprobt und mit Experten der deutschen Bundesmarine auch Landungen im Wasser trainiert, berichtete Piccard dem Schweizer Magazin "Weltwoche". "Was mir viel mehr Angst macht", fügte er hinzu, "ist in einer Welt zu leben, in der wir jede Stunde eine Million Tonnen Erdöl verbrennen."

Parallel zum Start ihrer 35 000 Kilometer langen Erdumrundung haben Piccard und Borschberg deshalb ihre Kampagne "Future is clean" ("Die Zukunft ist sauber") gestartet. Sie hoffen, dass sich während der mehrmonatigen Reise der Si2 Hunderttausende zu diesem Ziel bekennen. Mit Blick auf den Weltklimagipfel im Dezember in Paris gelte es, "Individuen und Organisationen sowie berühmte Persönlichkeiten und Politiker für den Einsatz sauberer Technologien zu mobilisieren".

Bei mindestens einem deutschen Politiker dürfte ihnen das bereits gelungen sein: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wurde in Abu Dhabi Zeuge des Si2-Stars. Kurz nach 7.30 Uhr Ortszeit saß der Vizekanzler am Montag mit Journalisten zusammen, als draußen das imposante Solarflugzeug das Hotel der deutschen Delegation langsam überflog.

Etliche Hürden

Auch deutsche Sonnentechnik-Firmen hoffen auf einen Erfolg der Si2-Mission. Bis dahin liegen aber noch enorme Hürden vor den tollkühnen Fliegern und ihrem "Dream Team" mit insgesamt 130 Mitarbeitern - etliche davon im Kontrollzentrum in Monaco. Nachdem Borschberg bei der ersten Etappe von Abu Dhabi nach Maskat im Sultanat Oman im Ein-Personen-Cockpit sitzt, wird Piccard die Maschine in den nächsten Tagen nach Ahmedabad in Indien fliegen.

Mit Spannung schaut die Fachwelt auf die siebte der insgesamt 25 Flugetappen, bei denen sich Piccard und Borschberg in unregelmäßigen Rhythmus am Steuerknüppel abwechseln. Dann geht es von Nanjing in China erstmals über den Pazifik bis nach Hawai. Für die 8172 Kilometer ist eine Flugzeit von 120 Stunden errechnet worden - fünf Tage und Nächte muss der Pilot im Si2-Cockpit durchhalten.

Abgesehen von der Raumfahrt wird es das erste Mal sein, dass ein Mensch versucht, einen derartig langen Flug zu absolvieren. Und das in einem Cockpit von gerade mal 3,8 Quadratmetern. Jeden Abend dürfte sich der Pilot bei den langen Etappen über den Pazifik später von New York aus über den Atlantik die Frage stellen, ob die gespeicherte Sonnenenergie wirklich für den Flug durch die Nacht reicht - oder ob er im Wasser landet.

Es hilft sicher, dass die Si2 quasi ein fliegendes Technologielabor mit etlichen Unterstützungssystemen ist, darunter ein einfacher Autopilot. Manche wurden eigens für den Weltumrundungsflug entwickelt. So wird das Aufmerksamkeitsniveau des Piloten ständig mittels eines Elektrokardiogramms von der Größe einer Streichholzschachtel überwacht.