Chicago. Leute wie ihn nennt man in Amerika "Daredevil", und "Teufelskerl" reicht irgendwie nicht für die Übersetzung: Nik Wallenda ist ein Extremist im sportlichen und artistischen Sinne, er ist Draufgänger und Wagehals, ein Abenteurer und Hasardeur. Alle paar Monate versetzt er die Welt in Staunen.

Diesmal ist der Tatort Chicago: Am Sonntagabend (Ortszeit) will der 35-Jährige ohne Sicherung gleich zweimal auf dem Seil über die Dächer der kalten und windigen Stadt spazieren. Für beide Läufe hat er sich noch eine Steigerung ausgedacht.

Das ist im ersten Fall wörtlich zu nehmen. Zuerst will er von einem 160 Meter hohen zu einem mehr als 190 Meter hohen Wolkenkratzer über den Chicago River balancieren - das ist eine Steigung von gut 15 Prozent, die er auf dem Seil überwinden muss. Beim zweiten Teil ist das Seil gerade - dafür will er es mit verbundenen Augen machen. Training für das Alter, sagt er: "Ich habe mich gefragt, wie ich über das Seil komme, wenn ich einmal nichts mehr sehe."

Nik Wallenda wurde 1979 geboren, mit zwei Jahren übte er schon auf dem Seil. So ist das bei den Wallendas. "In meiner Familie gehen derzeit 15 Leute auf dem Drahtseil", sagt er. "Das schließt meine drei Kinder ein." Sein Urgroßvater Karl Wallenda stürzte 1962 mit sechs Familienmitgliedern ab, zwei starben, sein Adoptivsohn Mario wurde querschnittsgelähmt. Der Urenkel lief über die Niagarafälle und über den Grand Canyon, eigentlich sollte jetzt New York dran sein. Den Spaziergang zwischen Empire State Building und Chrysler Building erlaubte aber die Stadt nicht. Zu gefährlich sei das - auch für die Zuschauer.

Also Chicago. "Man sollte denken, dass sich Hochseilartisten von einer "windigen Stadt" fernhalten", sagte Wallenda. "Ich liebe es aber, mich herauszufordern." Für den Lauf, den er seinem Urgroßvater Karl widmet, trainiere er bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 80 Meilen in der Stunde, das sind mehr als 130 Kilometer in der Stunde. "Aber bei mehr als 50 Meilen setze ich in Chicago keinen Fuß auf das Seil."

Für Wind und Kälte kann man trainieren, sagt Wallenda, das Entscheidende sei, dass die Seile ordentlich verspannt seien. "So lange das Seil stabil unter meinen Füßen ist, bin ich zuversichtlich, es rüber zu schaffen. Und wenn nicht, kann ich immer noch das Seil greifen und mich festhalten."

Vor 36 Jahren stürzte allerdings in Puerto Rico trotzdem ein Hochseilartist in den Tod. Auch hier war das Seil zwischen zwei Hochhäusern gespannt, der 73-Jährige bekam es aber nicht zu fassen. Es war Karl Wallenda, Niks Urgroßvater.

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