Ein schwarzer Wagen parkt vor der Schule in Potsdam-Bornim. Darin: zwei Erzieherinnen, ein Angestellter des Jugendamtes und der Vater zweier Jungen, dem das Gericht nach etlichen Auseinandersetzungen und Prozessen das alleinige Sorgerecht zugesprochen hat. Er will die Kinder, die bisher bei der Mutter leben, nun abholen, um sie in ein Heim in Elsterwerda zu bringen, wo die Kluft zwischen Vater und Kindern pädogisch überwunden werden soll. Doch der Fall eskaliert. Der Neunjährige sitzt schon im Wagen, hämmert mit den Händen gegen die Scheiben und schreit: "Lasst mich raus, ich will hier raus!" Sein zwölfjähriger Bruder setzt sich ebenfalls zur Wehr. Laut ruft er die Handynummer seiner Mutter in die Menge und fleht: "Holt doch Hilfe, ruft meine Mutter an oder die Polizei! Ich steige nicht in das Auto, niemals gehe ich ins Heim!"Die Hortleiterin der Kinder beobachtet den Fall fassungslos: "Alles sah aus wie ein Kindesraub." Mehr als eine Stunde dauert das Geschehen. Der Vater droht dem Jungen, wenn er nicht einsteige, rufe er einen Krankenwagen, der ihn abtransportiere. Der Rettungswagen kommt tatsächlich. Auch die alarmierte Großmutter der Kinder, die um die Ecke wohnt, eilt herbei: "Das waren Szenen, wie man sie sonst nur aus alten Filmen kennt. Meinen Enkel haben sie aus dem Sportunterricht gezerrt. Der stand in kurzen Hosen auf der Straße." Erst die Polizei beendete die Situation, nach Absprache mit dem zuständigen Jugendamt aus Teltow-Fläming.Anzeige erstattetDie Großmutter erhebt nun Vorwürfe gegen die Heimleiterin Ina Dehmel: "Ich habe eine Riesenwut auf diese Frau. Ich wollte meinen Enkel aus dem Auto retten. Sie hat mir den Weg versperrt, wollte den Jungen nicht rausgeben. Es kann doch nicht sein, dass sich eine Erzieherin, die sich doch angeblich um das Wohl der Kinder kümmert, so verhält." Bei der Polizei habe sie Anzeige erstattet, sagte sie. Die beschuldigte Heimleiterin selbst möchte zu den Umständen des Vorfalls in Potsdam nichts sagen. Das habe sie - auch aus Datenschutzgründen - dem Vater zugesichert. Konfrontiert mit den Beschreibungen des Vorfalls in Berliner Medien, schüttelt Ina Dehmel nur den Kopf: "Da fehlen mir die Worte." Sie habe den Fall vom Jugendamt Teltow-Fläming übertragen bekommen. Auf Wunsch des Vaters sei sie mit nach Potsdam gefahren. Das sei ein ganz normaler Vorgang.Das bestätigt auch Horst Bührent vom zuständigen Jugendamt Teltow-Fläming. Ein Fehlverhalten der Heimleiterin sei nicht zu erkennen. Der Vater habe sie hinzugezogen. "Das war sein gutes Recht, auch wenn wir davon abgeraten haben." Ein Mitarbeiter des Jugendamtes, der vor Ort war, habe schließlich der Polizei gesagt, dass sie den Abtransport der Kinder stoppen soll. "Die Situation war schwierig genug. Dass sie sich so entwickelt hat, liegt daran, dass die beiden Protagonisten - also die Eltern - ihre Position vor Ort sehr deutlich vorgetragen haben, um es vorsichtig zu formulieren", so Bührent."Wir haben die Mutter zuvor dreimal angeschrieben, um ihr unsere Einrichtung vorzustellen", setzt Heimleiterin Ina Dehmel noch hinzu. Ziel des Hauses der "Generation Next gGmbH" sei es ja gerade, zum Wohl der Kinder die Eltern einzubeziehen, die in den Räumen in Elsterwerda auch übernachten können, wenn sie die Kinder besuchen. Die Mutter habe aber nicht auf die Anschreiben reagiert. "Warum hat der Vater überhaupt ein Heim gesucht, das so weit wegliegt?", wundert sich die Großmutter. Immerhin wohnt die Mutter in Potsdam, der Vater in Ludwigsfelde. "Dem geht es doch nicht um die Kinder. Er will sie bestrafen und dazu zwingen, dass sie zu ihm kommen", klagt die Großmutter an. Dies entkräftet das Jugendamt. Bührent: "Wir haben eine Einrichtung gesucht, die den Anforderungen dieses Falles entspricht." In der Nähe habe sich keine gefunden. Der Streit geht weiterDas Konzept der Elsterwerdaer, mit einer engen Einbindung der Eltern und einer Erzieherin, die mit den Kindern rund um die Uhr im Haus wohnt, fülle eine große Bedarfslücke, bestätigt auch Jens Scheithauer, Jugendamtsleiter im Elbe-Elster-Kreis. Über Ina Dehmel könne er nichts Negatives sagen: "Das Heim hat gerade erst den Betrieb aufgenommen. Sie und die zweite Erzieherin bringen Erfahrungen aus anderen Einrichtungen mit." Alle Vorgaben seien erfüllt. Zudem sei das Konzept sehr ansprechend. Ein Kind hat Scheithauer bereits in Elsterwerda untergebracht. Insgesamt leben derzeit zwei Kinder in dem auf neun Plätze ausgelegten Haus. Angesprochen auf den Vorfall in Potsdam, zeigt Scheithauer Verständnis: "In solchen Fällen sieht man als Heim immer blöd aus." Vorerst ist die Unterbringung der Kinder in Elsterwerda gestoppt. Sie bleiben bei der Mutter. Der Vater hat erneut ihre Wegnahme beantragt. Die wollen aber nicht zu ihm. Laut ihrer Darstellung soll ihr Vater sie mehrfach geohrfeigt haben. "Das Gericht muss jetzt entscheiden, wie es weitergeht", erklärt Jugenddezernent Bührent. Der Richter müsse abwägen, was höher zu bewerten sei: die für die Entwicklung der Kinder wichtige väterliche Bindung oder der erklärte Wille der Jungen.