Siegbert Budischin aus Burg redet an einer Kurve der Ringchaussee auf Dirk Wende ein. Der eine, Budischin, sieht sich als Naturschützer, der andere führt einen Auftrag seines Unternehmens aus. Und dieser Auftrag lautet: Ein 18 Meter hoher Ahornbaum, 70 Jahre alt, mit stattlichem Stamm, muss fallen.

,,Wenn der Baum weg ist, fahren die Autos hier aber noch viel schneller", schimpft Budischin. ,,Außerdem haben wir uns enorme Mühe gegeben, ihn zu erhalten - dass er einfach so verschwindet, sehe ich mit Bauchschmerzen."

Doch Dirk Wende sieht keine andere Möglichkeit. ,,Wir haben die Fällgenehmigung im Rahmen der Baumschau erhalten", sagt er. ,,Denn schließlich müssen wir auch für die nötige Verkehrssicherheit sorgen." Er tritt näher an das Gewächs heran, um Siegbert Budischin auf das Problem hinzuweisen: ,,Der Baum hat doch ganz eindeutig Kernfäule", erläutert der Mitarbeiter des Landesbetriebes für Straßenwesen. ,,Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn solch ein mächtiger Stamm plötzlich umkippt und auf ein vorbeifahrendes Auto fällt."

Dieses Argument leuchtet Siegbert Budischin ein. Dennoch beharrt er auf dem Naturschutz-Gedanken: ,,Wenn es vernünftige Nachpflanzungen gibt, kann man ja miteinander reden." Tatsächlich, so sagt es Dirk Wende, sei eine Ersatzpflanzung vorgesehen - ob jedoch an gleicher Stelle, dies könne er nicht sagen. Und genau dort liegt für Budischin der Knackpunkt: ,,Hier passieren doch gleich zwei Eingriffe in die Natur", erwidert er. ,,Zum einen zerstören Sie die ästhetisch gelungene Alleengestaltung, zum anderen hat allein dieser Baum Zeit seines Lebens bestimmt um die zehn Tonnen Kohlendioxid vernichtet - das alles sind Bedenken, die Sie nicht einfach vom Tisch wischen können."

Im Gegenzug weist Dirk Wende wiederum auf die Alleenkonzeption des Landes Brandenburg hin, die durchaus auch ästhetische Gesichtspunkte berücksichtigt. So heißt es in diesem Papier: ,,Das Land Brandenburg verfügt bundesweit über den in seiner Dimension und Ausprägung wertvollsten Alleenbestand an öffentlichen Straßen."

Die Alleen entspringen demnach einer historischen Tradition und besitzen neben dem kulturhistorischen sowie landschaftlichen und ökologischen Wert auch eine Bedeutung für Verkehrsaspekte. Die Zielstellung für die Jahre 2005 bis 2007, jährlich 5000 Alleebäume zu pflanzen, sei sogar übertroffen worden. Allerdings gibt der Landesbetrieb für Straßenwesen auch zu bedenken: ,,Die Pflanzung von ungefähr 30 Kilometern Alleen an Bundes- und Landesstraßen außerorts stellt eine große Herausforderung dar." Um den dauerhaften Erhalt der Alleen zu gewährleisten, sei ein Gutachten zur Qualitätssicherung von neu gepflanzten Straßenbäumen im Land Brandenburg erstellt worden.

Zu einer klaren Einigung finden die zwei Männer im Widerstreit an diesem Tag nicht - der Baum wird zum Leidwesen von Siegbert Budischin gefällt.

René Wappler