Dort waren die Bränzels nachweislich über 400 Jahre beheimatet. Das von außen unscheinbare Werk im grau-braunen Einband im A-4-Format hat es in sich: Dicht mit Tinte beschrieben sind die bislang ungezählten Seiten. Stradow hatte sich einst nordwestlich von Spremberg befunden. In 140 Paragrafen hat der einstige Landwirt Friedrich Ernst Bränzel (1896 - 1968) festgehalten, was sich ab dem späten Mittelalter in seinem Heimatdorf zugetragen hatte. Insgesamt ist die Chronik fünfeinhalb Zentimeter dick. Friedrich Ernst Bränzel war vom 28. Juli 1933 bis zum 15. April 1945 Bürgermeister der Gemeinde und bis weit nach dem Krieg deren Chronist, weiß sein Enkel Lars Bränzel.Die ersten Aufzeichnungen der handgeschriebenen Chronik beginnen im Jahr 1420. Dazu heißt es: "Die älteste Abschrift über das Dorf Stradow findet sich im Jahr 1420." Damals war der Ort ein Lehnsgut der Herrschaft Cottbus. Anderen Quellen zufolge wurde Stradow im Jahr 1346 erstmals urkundlich erwähnt. Lars Bränzel, der hin und wieder in der Chronik stöbert, hat festgestellt, dass besonders in den frühen Jahren einige Geschichtslücken klaffen. So springt die Chronik teilweise über Zeiträume von bis zu 80 Jahren. Das ist aber voller interessante Episoden über das Stradower Alltagsleben. So sei im Jahr 1536 ein Bär im Dorf aufgetaucht und habe ein Kind geraubt. Zu Weihnachten 1616 soll es so warm gewesen sein, dass die Leute barfuß gegangen sind und die Blumen geblüht haben. Doch auch Schicksalsschläge flossen in die Chronik ein: So brannte am 6. Oktober 1920 die bis unter das Dach gefüllte Scheune der Familie Bränzel, die in der Dorfstraße 1 lebte, ab. Ursache soll Funkenflug der benachbarten Schneidemühle gewesen sein.Am Ende des Zweiten Weltkrieges ereilte die Stradower Chronik selbst ein schwerer Schlag. "Durch die Kriegswirren flog das Werk in allen Einzelteilen die Dorfstraße entlang. Mein Großvater sammelte die einzelnen Blätter mit viel Mühe wieder ein", berichtet Lars Bränzel. Der handschriftliche Teil von Friedrich Ernst Bränzel endet im Jahr 1966. Die Historie der letzten Jahre vor der bergbaulich bedingten Devastierung trugen Norbert Bränzel, der Vater von Lars Bränzel, und seine Schwester Sylke zusammen. Beeindruckend sind die Fotos vom Abriss des Dorfes. Besonders die Ruine der Kirche und die verlassenen Grundstücke wecken Wehmut. Am 23. Januar 1983 zogen die Bränzels nach Spremberg. Die Chronik nahmen sie freilich mit. Wer etwas über die Stradower Geschichte wissen möchte, könne bei Lars Bränzel in dem Werk nachschlagen. Angemeldet hat sich schon die Spremberger Heimathistorikerin Hannelore Reschke. Torsten Richter