Das Horrorszenario selbst erlebt hat Kevin Hornig aus Klettwitz. Weil er schon von verletzten Fahrern gehört hat, ist er mit seiner 250er Yamaha erst einmal vorsichtig die Strecke abgefahren. „Plötzlich tauchte wie aus dem Nichts der Stacheldraht auf“, erinnert er sich. Der 27-Jährige konnte noch rechtzeitig bremsen, sein Helmschild hat der Draht dennoch getroffen. Der Schrecken sitzt dem Hobbypiloten noch immer in den Knochen. „Wenn ich schneller gewesen wäre, hätte der Draht genau den Hals getroffen.“ Damit den unbekannten Tätern das Handwerk gelegt werden kann, hat Kevin Hornig Anzeige bei der Polizei erstattet.

Schlimme Verletzungen

Zum Verhängnis geworden ist der gespannte Stacheldraht auch einem Fahrer, der an einem späten Septembernachmittag auf der Strecke unterwegs war. Er hatte nicht so viel Glück wie Kevin Hornig. Beim Sturz zog er sich so schlimme Verletzungen zu, dass er zum Arzt musste. Seit diesem Vorfall ist die Kripo im Spiel. „Wir ermitteln wegen Körperverletzung“, bestätigt Polizeisprecherin Aina Gutschmidt.

Der Tatort im Dreieck zwischen Schipkau/Klettwitz/Kostebrau befindet sich zum Teil auf Flächen der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV). Überwiegend handelt es sich laut Schipkauer Bauamtschef Martin Konzag um Wald in Eigentum des Landes Brandenburg. Dazu kommen kleinere private Splitterflächen. In den LMBV-Sperrbereichen ist das Betreten des Geländes verboten. Auch außerhalb der Sperrbereiche dürfen die Waldwege mit motorisierten Fahrzeugen laut Waldgesetz nicht befahren werden. „Die Piloten begehen also eine Ordnungswidrigkeit“, erklärt die Polizeisprecherin. Solche Verstöße könnten die Eigentümer oder Pächter der Polizei als Hausfriedensbruch anzeigen. Was jedoch gar nicht geht, ist eine Art Selbstjustiz mit Stacheldraht und Nagelbrettern. „Mittel, die Leib und Leben gefährden, sind überzogen“, stellt Aina Gutschmidt klar. Sie lässt offen, ob die Staatsanwaltschaft den Straftatbestand noch höher als schwere Körperverletzung oder Totschlag einordnen wird.

Viele verzichten auf Anzeige

Aus der Kenntnis heraus, mit dem Befahren der Waldwege selbst eine Ordnungswidrigkeit zu begehen, verzichten viele Fahrer darauf, bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Das kann Attilla Damm, der Sportleiter des Motorsportclubs Hörlitz, nur allzu gut nachvollziehen. Er beobachtet die Geschehnisse im Tagebaugelände schon länger. „Die Situation kocht immer weiter hoch und beginnt zu eskalieren“, beschreibt er die Lage. Er weiß, dass die Wege von Motocrossern und Quadfahrern gut befahren sind, weil eine offizielle Trainingsstrecke fehlt. Im vergangenen halben Jahr haben sich die Vorfälle gehäuft. Damm weiß von bis zu sechs schweren Verletzungen. Er selbst hat Nagelbretter ausgegraben, um Schlimmeres zu verhindern. Auch um das Vorderrad seiner Maschine hat sich auf einem unbefestigten Splittweg ein gespannter Schneidedraht gewickelt. „Ich bin kopfüber über den Lenker geflogen“, erinnert sich der 34-Jährige. Für ihn ist wichtig, dass die Vorfälle weiterhin von der Polizei verfolgt werden. „Hobbyfahrer mit Stacheldraht zu jagen, das ist illegal“, verteidigt der Sportleiter die jungen Piloten.

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Zeugen gesuchtDie Kriminalpolizei bittet darum, dass sich Geschädigte und Zeugen umgehend auf der Polizeiwache in Senftenberg (Telefon 03573 880) melden. Polizeisprecherin Aina Gutschmidt bestätigt, dass mehreren Hinweisen nachgegangen wird.